Obere Absätze
Michiyo Yagi und Zeena Parkins beim Moers Festival 2024
Michiyo Yagi und Zeena Parkins beim Moers Festival 2024  
Photo:  Dennis Hoeren

Offiziell ein Jazzfestival zeigt das Moers Festival jedes Jahr zu Pfingsten, was improvisierte Musik sein kann. Auf ein Genre möchte sich der künstlerische Leiter Tim Isfort nicht festlegen und sagt: Wir sind ein Jazzfestival für Musik.

Herr Isfort, Sie leiten das Moers Festival seit 2016. In diesem Jahr veranstalten Sie die neunte Ausgabe dieses traditionsreichen Musikfestivals. Was sind die Schwerpunkte Ihrer Arbeit mit Blick auf die letzten Jahre? Was hat Sie besonders beschäftigt?

ISFORT: Eine sehr gute Frage. Tja, welche Schwerpunkte konnte man in der Zeit selbst aktiv setzen? Meine Zeit mit dem Moers Festival hatte bisher drei Phasen: Drei Jahre vor Corona, die Ausgaben 2017 bis 2019. Dann zwei sehr herausfordernde Ausgaben in Pandemiezeiten und seit 2022 nun ein Neustart. Zuletzt haben wir ein Hauptaugenmerk auf das Audience Development gelegt. Wir haben hier am Niederrhein etwas mehr mit den Nachwirkungen der Pandemie zu kämpfen. Ich nehme wahr, dass es sich in Berlin, Hamburg oder Köln schneller als bei uns normalisiert hat. Wir holen unser Publikum zurück, aber es ist mühsam. Zuletzt haben wir ein neues Preismodell eingeführt, um finanzielle Hürden abzubauen. Grundsätzlich habe ich die letzten Jahre auch damit verbracht, ein Team aufzubauen, auf das ich mich hundertprozentig verlassen kann. Es ist wichtig, dass alle diese Merkwürdigkeit „Moers Festival“ verstehen. Ich bin zufällig in dieser Stadt aufgewachsen und habe als Kind auf den Schultern meiner Eltern über den Zaun geguckt. Das Festival hat mich zu einem frühen Zeitpunkt total abgeholt. Vielleicht bin ich auch deshalb selbst Musiker geworden. Ich habe Musik studiert und mit klassischem Kontrabass angefangen, aber abgebrochen. Vieles war mir zu puristisch. Durch das Moers Festival habe ich diese Freiheit kennen gelernt, immer zwischen konzeptionell, komponiert auf der einen Seite und frei, improvisiert auf der anderen Seite. Im Dazwischen fühle ich mich zu Hause. 

„Für viele sind wir – bei aller Bescheidenheit – ein Mekka der improvisierten Musik, ein Seismograf für neue Strömungen.“
Autor
Tim Isfort, Leiter des Moers Festivals

Sie haben als Musiker viele Bühnen und Festivals gesehen. Was sind Ihrer Meinung nach besondere Qualitäten eines Musikfestivals? Was macht ein gutes Musikfestival aus?

ISFORT: Also mit Blick auf das Moers Festival kann ich sagen, dass ein Festival einen unverwechselbaren Charakter braucht. Das Moers Festival ist für viele Leute ein Lebensgefühl. Ein Wohnzimmer, in dem an sich einmal im Jahr treffen kann. Das ist nicht selbstverständlich, denn man hat als Gast jedes Jahr eine gewisse Erwartungshaltung, die ständig gebrochen wird. Aber trotzdem fühlt man sich zu Hause. Ein Musikfestival mit einer so langen Geschichte verläuft in Schlangenlinien, bleibt sich dennoch treu. Wir sind ein Ort für das völlig Unerhörte, das Unerwartbare. Und das bleibt so. Wir wollten noch nie einfach nur erfolgreichen Jazz importieren. Das Moers Festival war bei Gründung ein New Jazz Festival, ein Avantgarde Festival, ein bisschen schräger oder anders als die anderen Festivals. Und davon gibt es heute in Europa wirklich nur eine Handvoll. Ein Festival für die Musik, die sonst in New York vor 60 Leuten gespielt wird. In Galerien oder kleinen Clubs, nerdige Nischentreffs. Für viele sind wir – bei aller Bescheidenheit – ein Mekka der improvisierten Musik, ein Seismograf für neue Strömungen. Das birgt immer das Risiko, dass man voll auf die Nase fällt. Eine wichtige Komponente für ein gutes Festival ist etwas, das ich den „Duldungsthreshold des Publikums“ nennen würde. Das geht so: Ich gehe irgendwo rein, kenne niemanden auf der Bühne. Und die Musik ist furchtbar enttäuschend. Ich höre eine Viertelstunde zu, 20 Minuten und dann klickt es vielleicht. Also aushalten, aushalten. Das ist eine goldene Regel: Wenn es nach 20 Minuten nicht funktioniert, dann kannst du auch rausgehen und ein Bierchen trinken. Manchmal geht es auch schnell. Man kommt rein und fliegt direkt weg und denkt „Wow!“. Solche Überraschungen machen gute Musikfestivals aus. Das gilt für alle guten Festivals, also auch fürs Haldern Pop bei uns um die Ecke, denke ich. In der FAZ ist ein toller Beitrag zum Moers Festival erschienen. Moers sei ein „Trainingslager für moderne Lebens- und Denkweisen“. Das ist ein schönes Bild.

Das wirkt, als würde Ihr Publikum es schätzen, dass Sie ihm etwas zutrauen.

ISFORT: Klar, aber wir machen es uns selbst auch nicht leicht. Wir haben zum Beispiel beschlossen, jedes Jahr ein Land des afrikanischen Kontinents in den Fokus zu stellen. Als Statement. Es ist eine Zutat von Moers, dass man Dinge tut, die unbequem sind. Fünf oder sechs Musiker:innen einen Pass oder Visum zu besorgen, Flüge zu planen, mit Botschaften in den Austausch gehen – das macht keinen Spaß. Aber ich glaube, daraus entsteht die Wertschätzung. Solche Bemühungen machen ein gutes Festival aus.

Das stimmt sicherlich allgemein und für Ihr Musikfestival besonders.

ISFORT: Sicherlich. Das haben meine Vorgänger aber auch gemacht. Unbequeme, herausfordernde Schwerpunkte. 1989 zum ersten Mal die Einstürzenden Neubauten. Das war krass und hat das Publikum geschockt. Industrial? Wo ist der Jazz? Bei manchen Experimenten gab es auch Buhrufe und Ausraster im Publikum. Total gut! Das haben die einfach gemacht, zugelassen und ertragen. Da wurde diskutiert! Das möchte ich gerne erhalten. 

Suzueri, Moers Festival 2024  
Photo:  Dennis Hoeren

Obwohl Sie das Festival ja schon seit 2016 leiten, kennen Sie das Moers Festival persönlich ja noch länger. Wirkt sich diese Beziehung zum Festival auch auf Ihre Arbeit aus?

ISFORT: Das lässt sich gar nicht verhindern. Ich habe als Schülerpraktikant im Pressegraben beim Moers Festival gestanden, wirklich als Schüler. Für mich hat sich damals ein Tor zu einem musikalischen Universum geöffnet. Wenn sich der Vorhang in der Kindheit oder Jugend nicht öffnet, dann bleibt er wahrscheinlich ein Leben lang verschlossen. An diesem Spruch ist etwas dran. Ich war tief beeindruckt und habe alles wie ein Schwamm aufgesogen. Ich habe vermutlich nichts verstanden. In der Woche danach stand ich in meinem Proberaum und wir wollten so eine Musik machen. So ein Impuls ist prägend. 

Sie haben eingangs Ihr neues Preismodell angesprochen. Sie finanzieren Ihr Musikfestival aus einer Mischung aus öffentlicher Förderung, Sponsoring und eben den Ticketeinnahmen. Wie kann man sich das vorstellen? Welche Herausforderungen sehen Sie aktuell besonders? 

ISFORT: Das Festival steht grundsätzlich auf sechs Säulen. Es gibt die Säulen 1 bis 3: Bund, Land und Stadt. Darüber erhalten wir viele Mittel. Es gibt eine städtische Tochtergesellschaft, die als Verlustausgleichsgesellschaft fungiert. Säule 4 ist die Kunststiftung NRW. Diese ist zentral für den „Improviser in Residence“, also die jährlich wechselnden Musiker:innen, die wir in die Stadt einladen. Das ist nicht langfristig gesichert. Wir beantragen diese Unterstützung jedes Jahr aufs Neue, aber es ist eine erhebliche Säule für uns. Säule 5 bilden kleinere Sponsoren und Unterstützer:innen sowie die Medienpartnerschaften. WDR, lokale Energieversorger, die örtliche Sparkasse oder Volksbank oder auch eine Buchhandlung um die Ecke, wo wir dann ein Guerilla-Konzert machen als Dankeschön. Diese Säule ist sehr pflegeintensiv, man muss sehr viel tun und es bringt relativ wenig Geld, aber sie ist uns wichtig. Die Säule 6 sind die Einnahmen aus dem Ticketverkauf. Bis zur Coronapandemie war das eine relativ stabile Angelegenheit. Aber seit 2020 ist das anders. Für unsere Ausgabe im Jahr 2020 gab es nur eine Person im Publikum, unsere „Miss Unimoers“. Allerdings haben bis zu 70.000 Personen das Festival im Stream gesehen.

Miss Unimoers? Das ist eine sehr kreative Idee – und zudem ein sehr pragmatischer Umgang mit den damaligen Beschränkungen.

ISFORT: Ja, Streaming war damals noch nicht so üblich. Wir hatten Journalist:innen eingeladen. Auf zwei Bühnen ging es dann immer im Wechsel wie im Fernsehstudio. Wir haben eine Beschallungsanlage auf die Bands gerichtet – mit Applaus aus 48 Jahren Moers Festival. Da konnte man mit geschlossenen Augen kurz vergessen, dass überhaupt kein Publikum vor Ort war. 

Projekt Brözzfrau, Moers Festival 2024  
Photo:  Dawid Laskowski

Man kann es sich vorstellen. Haben Sie das Gefühl, dass die Festivallandschaft in den Jahren nach der Coronapandemie nun wieder wie zuvor funktioniert?

ISFORT: Ich erzähle nichts Neues, wenn ich berichte, dass die Preise für Personal, für Infrastruktur, für Technik, für Werbung, auch für Flüge und so weiter explodieren. Die Gagen sind meines Erachtens nun endlich etwas besser. In den letzten Monaten hat sich der Wind gedreht. Das merkt man auf Bundesebene, auf Landesebene und schließlich auch auf kommunaler Ebene. Bundespolitik hat Auswirkungen auf die kleinsten Orte und Veranstaltungen. Das schlägt gerade durch. Kommunal können wir uns nicht beklagen: Die Stadt bekennt sich zum Moers Festival. Die Gesamtsituation ist aber im Umbruch. Das betrifft auch das Publikum: Kaum jemand legt sich frühzeitig fest. Gäste kaufen ihre Karten kurzfristiger und warten unter Umständen bis zum Freitag vor Pfingsten, wie das Wetter wird. Da hilft auch kein Marketing-Budget der Welt. Unsere Stellschrauben sind begrenzt. Wir durchleuchten unsere Budgets für Infrastruktur, Technik und Gagen ohnehin jedes Mal. Teilweise ist es frustrierend, wenn Fördergeber erwarten, dass man die Strahlkraft erhält oder ausbaut, aber gleichzeitig die Mittel nicht ausreichen, um Highlights zu setzen. Einen Top-Act für 20.000 Euro können wir uns gar nicht leisten.

Macht sich die angespannte finanzielle Lage auch personell im Organisationsteam bemerkbar? Mit wie vielen Hauptamtlichen arbeiten sie zusammen, und welche Bedeutung hat das Ehrenamt?

ISFORT: Im Vergleich zu 2017 sind wir personell deutlich besser aufgestellt. Wir haben mittlerweile vier vollzeitnahe und zwei halbe Stellen. Das ist super. Aber Volunteers sind absolut wichtig für uns. Ohne Ehrenamt, ohne Volunteers, ohne leidenschaftliche Menschen geht nichts. Wir haben 70 bis 80 Volunteers. Wir beschäftigen deshalb auch eine Volunteerbeauftragte. Die meisten Volunteers arbeiten mit uns natürlich unmittelbar während des Festivals. Es gibt aber im Förderverein ganzjährig ein hohes Engagement. Und es gibt das internationale Workcamp, das wir gemeinsam mit der NGO Service Civil International (SCI) veranstalten. Das sind zehn bis zwölf Personen aus aller Welt, die für eine gute Woche gemeinsam um das Festival herum zusammenkommen, das ist ein total schöner Austausch und ein wesentlicher Baustein unserer Freiwilligenarbeit.

Das Moers Festival widmet sich auch der Nachwuchsförderung und Talententwicklung. Wie verstehen Sie Ihre Aufgabe in diesem Zusammenhang? 

ISFORT: Diese Facette kann man gar nicht hoch genug schätzen. Seit 2022 gibt es eine Kreativwiese. Das Projekt heißt „Wo die wilden Kinder wohnen“. Wir engagieren Musiker:innen aus dem Festivalprogramm. Sie können einfach noch einen Tag bleiben und gestalten einen kleinen Workshop für Kinder, also für das Publikum von morgen. So kommen 30 bis 35 Workshops an vier Tagen zusammen mit knapp 200 Musiker:innen aus über 20 Ländern. Total locker auf der grünen Wiese mit ein paar Instrumenten, neugierigen Kids und ihren Eltern. Da sind die schönsten Momente entstanden, an die sich die Kinder ein Leben lang erinnern. Das ist für mich das beste Audience Development in Handarbeit.

Würden Sie sagen, dass Sie mit diesen Angeboten vorrangig das Nachwuchspublikum oder Nachwuchsmusiker:innen erreichen möchten? 

ISFORT: Es ist keine dezidierte Förderung von Nachwuchsmusiker:innen. Wir möchten auch keine Exzellenzförderung machen. Wir müssen eine Brücke bauen und Raum für junge Menschen aus der Region schaffen. Wir möchten Horizonte erweitern und Perspektiven eröffnen. Und dabei adressieren wir sie nicht als höhere Töchter oder Söhne am Cello oder am Klavier. Den Weg kann man auch gehen, aber man kann auch etwas anderes mitgeben. 

Sie sind jedes Jahr aufs Neue für das Programm verantwortlich und gedanklich vermutlich selten nicht auf der Suche. Nach welchen Kriterien suchen Sie aus? Woran orientieren Sie sich, wenn Sie Ihr Programm planen? 

ISFORT: 2017 habe ich mir eine Art Koordinatensystem aufgemalt. Da stand dann klassischer Jazz, komplett improvisierte Musik oder Avantgarde. Dazwischen Elektronik, Post-Punk, Songwriting, Alte Musik, Neue Musik, Minimal und so weiter. Also ganz viele Genres. Darin habe ich Bands platziert, die ich persönlich einfach gut fand. Es gibt viele Kriterien. Berührt mich die Musik ganz subjektiv? Ein Liveauftritt bei YouTube? Eine CD, ein Demo-Tape, eine Handyaufnahme aus dem Proberaum – ganz egal. Ich kann hören, ob eine Energie da ist und auch Mut. Es gibt das Genre-Koordinatensystem und es gibt das Glaubwürdigkeitssystem, Mut, Energie und Virtuosität. Wenn es zu glatt ist, zu hochschulig, zu akademisch, dann ist es oft nichts für uns. Ich muss bei meinen Moers-Parametern ein Häkchen setzen können. Das ist sehr schwer abstrakt zu definieren. Manchmal erzeugen wir auch interessante Kombinationen, die es noch gar nicht gibt. Wir bringen Musiker:innen zusammen, von denen wir glauben, dass sie gut zusammenpassen könnten. Brücken bauen, Völkerverständigung im besten Sinne, das ist auf jeden Fall ein Teil der DNA.

Tim Isfort bei der Eröffnung des Moers Festivals 2024  
Photo:  Dennis Hoeren

Das Moers Festival gilt traditionell als Jazzfestival. Was bedeutet für Sie in diesem Zusammenhang der Begriff Jazz eigentlich? Oder Genres, ihre Subgrenres und Genregrenzen? Wie stehen Sie zu diesen Begriffen? 

ISFORT: Ich benutze die Begriffe, so wie ich sie brauchen kann. Ich habe Jazz studiert. Du musst dir alle Standards in allen Tonarten draufschaffen. Du musst den Walking Bass in allen Varianten spielen können. So, und dann kannst du Jazz machen. Und ich dachte nur: Ich komme aber aus Moers, da habe ich ganz anderen Jazz gehört. Je älter ich werde, desto weniger weiß ich über Musik. Ich bin immer wieder überrascht, wie viel neue, tolle Musik bei mir landet. Ich bekomme jeden Tag 30 Bewerbungen. Das ist endlos viel Musik. Hilft mir der Begriff Jazz dabei? Jein. Das Wort Jazz ist für mich ein schwieriges Wort. In den 60ern und 70ern gab es in den USA eine Bewegung, Jazz in „BAM“ umzunennen, Black American Music. Das würde heute auch nicht mehr so ganz halten, aber es wäre eine Chance. Ansonsten ist auch Jazz als Begriff für viele ein Spaß, für andere ein Schimpfwort. Genres sind ambivalent. Nehmen wir diesen Hochglanz-Klassik, diese Magazine, in denen Musiker:innen für Fotos zurechtgemacht sind. Das ist genauso lächerlich wie die Jazz-Magazine, wo sich Typen vor eine Wand stellen und ganz locker sein wollen. Am Ende ist alles auch Vermarktung. Interessant sind für mich diese Outlaws, diese Solitäre. Musiker:innen, die einen ganz speziellen Platz im sehr weit verästelten Genrebaum haben.

An Begriffen kann man sich reiben. Ob man ganz auf sie verzichten kann, ist eine andere Frage, oder?

ISFORT: Das stimmt. Ich muss noch einen Satz zu Genres und Fördergeber sagen. Fördergeber checken das häufig gar nicht. 2022 stand auf unserem Plakat “This is not a Jazz Festival”. Wir haben damit gespielt, das war aus Spaß durchgestrichen, aber auch ein bisschen aus Ernst. Diese Schubladisierung greift zu kurz. Wir haben uns mit der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien ausgetauscht, weil man dort dachte, wir wären doch auch irgendwie wie die Jazzahead. Das Moers Festival ist aber etwas ganz anderes. Ein Team der BKM war dann beim Festival und war völlig geflasht von dem riesigen Blumenstrauß an Gegensätzen. Ich habe das Gefühl, so ein breites, nicht immer ganz greifbares Angebot kann Fördergeber überfordern.

Auf Ihrer Website ist von Moers als „Jazzfestival für Musik, Miteinander, Freysinn und Klangfriede“ zu lesen.

ISFORT: Dieser Untertitel ändert sich jedes Jahr. Ein „Jazzfestival für Musik“, das ist ja schon absurd, eine schöne Verdrehung mit Augenzwinkern. Wir möchten uns des Jazz-Begriffs nicht völlig entledigen. Der Untertitel gibt jeder Ausgabe ein Motto. Das diesjährige Narrativ kreist um Stille. Wir leben in einer Zeit eines totalen Overkills an Informationen und überbordender Belastung. Grafisch stellen wir es auf Plakaten mit einer Tafel dar, auf der mit Kreide ganz viele Formeln stehen. Teilweise ist das reiner KI-Müll als Textur. Mathematische, astronomische, physikalische, musikalische Formeln, aber auch Chatverläufe in toten Sprachen. Ein weißes Formelgewaber und in schwarz und riesengroß das Wort Stille. Natürlich ist das Moers Festival kein Ort für Stille. Es gibt auf diesem Planeten auch keine Stille. Was ist eigentlich das Gegenteil von Stille? Eine andere Form von Stille? Eine relative Stille? Vielleicht Drones, meinetwegen auch mein Tinnitus? Oder Musik, die man eigentlich gar nicht hört, weil man Bahn fährt und ein Buch liest. Wir haben allen Musiker:innen den Auftrag gegeben, sich für den Auftritt bei uns mit Stille zu beschäftigen. Das sind keine Auftragskompositionen, aber wir werden damit spielen. Man kann in alle Richtungen denken: komponierte Stille, Schumanns Traumsekunde, Cage. Oder ein Crescendo, ganz viele Noten, ganz laut und dann Stille. Es gibt auch eine politische Ebene. Eine stille Mitte, ein lauter rechter Rand. Damit möchten wir uns beschäftigen. Kulturpolitisch kann Stille in Relation zum Club- oder Festivalsterben gesetzt werden. Ein Verstummen, ein ausbleibender Aufschrei ist eine besondere Form der Stille. 

Ist der von Ihnen beschriebene Klangfriede auch eine Stille?

ISFORT: Das steht in einer Reihe mit Miteinander, Freysinn – absichtlich frei mit y geschrieben – und eben Klangfriede. Das Miteinander durchzieht das gesamte Festival. Der Freysinn stellt auf das vielfältige Angebot und unsere programmatische Freiheit ab. Klangfriede ist eine bescheuerte Wortschöpfung, ein bisschen doppeldeutig. Ja, Klangfriede in Form von Stille, innerer Ruhe. Aber Klangfriede sind auch diese Typen, die komischen Freaks, die heißen halt Klangfriede. Vielleicht die alten Jazzer mit diesen Bärten. Ah guck, da kommt wieder so ein alter Klangfried.

Also gar keine politische Forderung nach Klangfrieden? 

ISFORT: Es ist ambivalent und das mögen wir. In diesem Zusammenhang möchte ich sagen, dass wir uns als eine der wenigen deutlich zu politischen Ereignissen geäußert haben. Es ist erstaunlich, dass sich so etwas nur wenige in der Kultur trauen. Israel, Gaza, das ist ja nur ein Konflikt von vielen, zu denen man schon was sagen könnte. Wir haben unsere Haltung im Programmheft klar gemacht. Am Pfingstmontag habe ich ein Statement verlesen, das sich auch auf unserer Website findet. Es ging uns darum, dass wir nichts anderes tun können, als das Leid auf beiden Seiten anzuerkennen. Wir konnten das Festival nicht beenden, ohne uns dazu zu positionieren. Ich will nicht sagen, dass wir das gut gemacht haben. Ich finde, wir müssen uns deutlicher verhalten. Es ist nicht einfach und wird schnell pathetisch oder heikel, aber alles ist besser als dieses Wegducken.

Das ist ein klares Statement. Vielen Dank für das Gespräch.

ISFORT: Vielen Dank.

Das Interview wurde im Rahmen der Festivalstudie am 20. Februar 2025 von Niklas Blömeke (Büro für Kulturstatistik) geführt. 

Der Kontrabassist, Produzent und Arrangeur Tim Isfort ist Leiter des Moers Festivals.
Tim Isfort

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