Frau Irmscher, das Umsonst und Draußen Festival in Würzburg ist eines der größten Festivals seiner Art und blickt auf eine lange Geschichte zurück. Seit 1987, mitten in der Stadt auf den Mainwiesen mit 80.000 Besucher:innen. Was ist Ihre Aufgabe beim Festival? Wofür sind Sie zuständig?
IRMSCHER: Ich bin natürlich nicht seit Tag 1 dabei, dazu gibt es das Festival schon zu lang. Ich war mehrere Jahre zuständig für die Akquise der Helfer:innen und die Koordination im Festivalbüro. Das waren viele Bereiche der allgemeinen Organisation und Leitung. Wir sind in einem Verein organisiert und treffen deshalb viele Entscheidungen gemeinsam und arbeiten das ganze Jahr an dem Festival. Seit 2023 bin ich neben der allgemeinen Planung vor Ort hauptsächlich für die Organisation des Backstage-Bereichs und der Betreuung der Künstler:innen zuständig. Bei mir gibt es die Besonderheit, dass ich durch meinen regulären Job, die Leitung des Jugendkulturhaus CAIRO in Würzburg, einen Teil meines Engagements auch in meiner Arbeitszeit machen kann. Es gibt eine große Schnittstelle sowohl inhaltlich als auch von den beteiligten Menschen.
Was macht für Sie eigentlich ein gutes Musikfestival aus? Was sind besondere Qualitäten?
IRMSCHER: Das ist keine einfache Frage. In allererster Linie sehe ich das kuratierte Programm als Kriterium. Ganz klar, das gemeinsame Live-Erlebnis. Zusammen mit anderen Menschen Musik genießen, Spaß haben und feiern. Damit steht und fällt ein Musikfestival. Erst mit einem guten Programm kann ein Musikfestival ein wirklich gutes Musikfestival sein, dies steckt ja auch bereits im Namen. Aber natürlich gibt es weitere Komponenten, die notwendig sind, damit das Gesamtpaket „Festival“ stimmig wird – gute Sicherheits- und Awarenesskonzepte, der gute Sound auf den Bühnen, ein gut gelauntes Festivalteam und so weiter.
„Wir sind ein Ort für alle Menschen und bieten dadurch einen Begegnungsraum, der breiter gefächert ist als bei vielen anderen Festivals.“
Ihr Musikfestival blickt auf eine beachtliche Geschichte zurück und gilt als Traditionsfestival. Was ist das Besondere an dem Konzept „Umsonst und Draußen“, das es ja mittlerweile in vielen Städten Deutschlands gibt?
IRMSCHER: Mit so einem Konzept unterscheidet man sich von vielen anderen Musikfestivals, das ist klar, auch wenn es bei den U&Ds große Unterschiede in der Organisation gibt. Für uns ist dieses Prinzip auch deshalb bedeutsam, weil es Sinn und Zweck ist, allen Menschen Musik und Kultur zugänglich zu machen, ohne Hürden oder Barrieren. Das treibt uns im Verein an. Wir machen uns immer wieder Gedanken darüber, wo noch Hürden sein könnten, weswegen Menschen nicht am Festival partizipieren können. Neben der Lust auf Kultur ist es dieser soziale Gedanke des Miteinanders, der bei uns vermutlich noch deutlicher im Vordergrund steht als bei anderen. Die Diskussion um kulturelle Teilhabe als Menschenrecht hat zuletzt Fahrt aufgenommen. Das ist es, was wir schon lange umsetzen. Das Kulturerlebnis darf nicht vom Geldbeutel abhängen und nur einer bestimmten Gruppe vorbehalten sein, die es sich leisten kann. Aber grundsätzlich teilen wir dieselben Sorgen und Nöte mit anderen Musikfestivals, die nicht umsonst und draußen sind. Wobei wir eine Sorge nicht haben: Ticketing. Deshalb kommt für uns aber auch nicht in Frage, diese Mega-Headliner zu buchen. Mit so etwas können und müssen wir uns nicht befassen. Durch die geringen Barrieren kommen bei uns so viele unterschiedliche Menschen zusammen, was uns die Möglichkeit gibt, die Menschen mit bestimmten sozialen oder politischen Themen in Berührung zu bringen und dadurch zum Nachdenken anzuregen. Wir sind ein Ort für alle Menschen und bieten dadurch einen Begegnungsraum, der breiter gefächert ist als bei vielen anderen Festivals. Umsonst und Draußen Festivals richten sich außerdem häufig stark an die Menschen vor Ort. Wir verstehen uns als ein Festival für Würzburg und die Region und möchten das Leben vor Ort gestalten und bereichern.
Auch wenn man sich nicht ums Ticketing kümmern muss, sind an einem Musikfestival Ihrer Größenordnung zahlreiche Menschen involviert. Können Sie die Personalstruktur näher beschreiben?
IRMSCHER: Wir haben circa 300 Mitarbeitende und wir bezahlen die Menschen alle, also wir stellen alle an, kurzfristige Beschäftigung oder geringfügig als Minijobber:innen. Wir zahlen dabei allen das Gleiche, nämlich Mindestlohn – egal, ob es die Zeltbauer:innen sind, die seit 20 Jahren mit uns arbeiten, oder ob es Studierende sind, die zum allerersten Mal dabei sind. Da wir keine Tickets verkaufen, arbeitet bei uns niemand für den Eintritt. Das ist auf anderen Festivals ja durchaus üblich, insbesondere bei Helfertätigkeiten. Aber natürlich gibt es Bereiche, in denen man Fachpersonal braucht, also Technik und Security hauptsächlich. Auf vielen Festivals sind die Stände für Speisen und Getränke ausgelagert. Das ist bei uns anders. Wir übernehmen den Getränkeverkauf komplett selbst und sehen diesen Aspekt eher als eine Chance, eine Kooperation mit einem örtlichen Lieferanten einzugehen, der sich im Festivalkontext präsentieren kann.
Kommen wir vom Personal zum Programm: Welche Faktoren spielen für Ihr Musikprogramm eine Rolle? Wonach entscheiden Sie, wen Sie engagieren?
IRMSCHER: Wir haben uns Quoten auferlegt: Wir möchten, dass 50 Prozent der Künstler:innen aus der Region stammen, 25 Prozent aus einem Umkreis von höchstens 250 Kilometern und die restlichen 25 Prozent eben national oder international. Das ist eine starke Vorgabe, die es zu berücksichtigen gilt. Unser Booking-Prozess ist sehr offen, da wir nicht so intensiv mit Agenturen zusammenarbeiten. Wir nutzen ein Bewerbungsformular, über das sich Künstler:innen online bewerben können. Zuletzt hatten wir über 1.000 Bewerbungen – und die hören wir uns auch wirklich alle an und haben selbst viel Spaß dabei, Neues zu entdecken. Dazu haben wir intern eine kleine Gruppe gebildet, aktuell sind wir sieben Leute und treffen alle Entscheidungen fürs Programm gemeinsam. Durch unsere Struktur haben auch eher unbekannte Künstler:innen die Möglichkeitzu spielen. Wir verstehen uns stark als regionales Festival. Wir möchten Musiker:innen aus der Region eine Auftrittsmöglichkeit geben. Wo kann man denn schon Erfahrungen auf großen, professionellen Bühnen sammeln? Mein Gefühl ist, dass es für junge Musiker:innen immer schwieriger wird, überhaupt Auftrittsmöglichkeiten zu erhalten. Eine weitere Besonderheit ist: Wir bezahlen alle Künstler:innen gleich – egal ob Headliner aus London oder Lokalband. Auf vielen anderen Musikfestivals werden lokale oder junge Bands mit ein paar Getränkebons abgespeist. So etwas gibt es bei uns nicht.
Wie kann man sich diese kollektive Programmplanung vorstellen? Woran orientieren Sie sich inhaltlich, neben den genannten Regionalquoten?
IRMSCHER: Also erstmal lassen wir alle Genres zu. Metal soll bei uns genauso wie Reggae, Jazz, Indie oder Punk stattfinden. Wir möchten, dass sich viele Menschen mit ihrem Geschmack in unserem Programm wiederfinden. Wir buchen keine großen Namen. Unser Publikum ist neugierig und hat Lust, Musik zu entdecken. Das heißt, es ist überhaupt nicht so wichtig, dass jemand im Vorfeld den Großteil des Line-Ups kennt. Ganz im Gegenteil. Viele kommen ganz offen zu uns und lassen sich treiben oder entspannen gemütlich auf der Wiese.
Heißt das, Sie möchten bewusst keine Spezialinteressen bedienen? Sind Genres nicht so relevant?
IRMSCHER: Genres sind immer dann wichtig, wenn man in konkrete Musikszenen eintaucht. Genres sind dann ein gewichtiger Faktor, da sich Menschen sehr mit „ihrem Genre“ identifizieren. Dabei spielen dann auch Subgenres und Nischen eine Rolle. Es kann einen großen Unterschied machen, welche Spielart von Punk oder Metal eine Band auf die Bühne bringt. Meines Erachtens ist der Stellenwert von Genres bei kleinen Musikfestivals und dem jeweiligen Publikum wichtiger. Das ist bei uns anders. Hinzu kommt, dass wir eben keinen Eintritt nehmen. Das fördert die Neugier und verhindert auch, dass jemand eine andere Vorstellung vom Programm hat und unter Umständen enttäuscht wird. Insofern besteht bei uns ein Wechselspiel zwischen der geringen Bedeutung von Genres und der Preispolitik. Ich habe früher auf einem Punkrock- und Hardcore-Festival gearbeitet. Ein Eintagesfestival, sehr nischig konzipiert, aber es war sehr stimmig. Ich empfinde unser Programm jedoch genauso stimmig, nur dass es eben nicht so stark über Genres funktioniert. Es versucht, alle Menschen in irgendeiner Form mit einem Teil des Programms zu adressieren.
Sie haben die Quoten bereits angesprochen. Inwiefern ist die Förderung des musikalischen Nachwuchses ebenfalls ein Faktor bei der Programmplanung?
IRMSCHER: Unsere Quote fördert den Nachwuchs implizit. Viele der Musiker:innen aus der Region sind ohnehin eher junge oder karrierejunge Musiker:innen. Wir haben außerdem mit einer örtlichen Brauerei und der Stadt Würzburg einen Nachwuchsförderpreis ausgelobt, den Preis für junge Kultur. Der erstreckt sich nicht nur auf die Sparte Musik, sondern auch auf Literatur oder bildende Kunst, auch Institutionen können den Preis erhalten. Die Preisträger:innen aus jedem Jahr bekommen auch die Möglichkeit, sich bei der kommenden Festivalausgabe zu präsentieren. Zudem steht eine unserer Bühnen ausschließlich für junge Künstler:innen zur Verfügung, unsere U25-Bühne. Die Förderung regionaler und junger Künstler:innen ist ein Grundpfeiler unseres Festivals und das schon seit der Gründung. Es macht auch großen Spaß, die Entwicklung von Musiker:innen und Bands über die Jahre zu beobachten. Viele haben bei uns eine Art Zuhause gefunden und kommen gerne wieder.
„Musikfestivals sind auch soziale Treffpunkte. Ein großer Teil des Publikums geht sicherlich aus so einem Gruppengefühl heraus auf ein Musikfestival.“
Wir haben bereits über die Bedeutung von Genres für das Publikum gesprochen. Etwas allgemeiner gefragt: Warum besuchen Menschen überhaupt Musikfestivals?
IRMSCHER: In allererster Linie aus Interesse an der Musik. Ich bin mir aber gar nicht sicher, ob das immer so ist. Klar, ein bisschen sollte man für Musik übrighaben, aber ich bezweifle ehrlich gesagt, dass Musik immer der ausschlaggebende Punkt ist. Musikfestivals sind auch soziale Treffpunkte. Ein großer Teil des Publikums geht sicherlich aus so einem Gruppengefühl heraus auf ein Musikfestival. Weil alle Freund:innen dort sind und man einfach ein schönes Wochenende zusammen verbringen möchte. Deshalb findet selbst auf großen, verhältnismäßig teuren Festivals doch häufig so viel auf den Zeltplätzen statt. Auf anderen Festivals gibt es auch ein Rahmenprogramm. Ich glaube, das erwarten die Menschen mittlerweile auch zunehmend. Je nach Einkommenssituation kostet so ein Festivalwochende ähnlich viel wie der Urlaub, den ich im Sommer auch machen könnte. Ich denke, da muss der Reiz größer sein und kann sich nicht nur auf eine Handvoll Bands erstrecken, die man live sehen kann. Auch nicht unerheblich ist das Rahmenprogramm: Wir haben ein tolles Kinderkulturprogramm. Natürlich spricht dieser Teil des Programms Familien und Cliquen mit Kindern an. Und weil der Eintritt eben frei ist, kann man sich ganz locker bei uns treffen und für ein paar Stunden am Samstag bei uns eine schöne Beschäftigung mit der Familie genießen.
Verständlich und sicherlich eine Besonderheit der Umsonst und Draußen Festivals.
IRMSCHER: Absolut. Aber das betrifft nicht nur Familien oder Kids. Unser Ziel ist wie gesagt, dass bei uns alle Menschen zusammenkommen. Von der Abteilungsleiterin über den Lehrling bis zum Postboten, also unabhängig vom gesellschaftlichen Status, vom Alter oder von der Biografie. Wir kooperieren mit örtlichen Streetworker:innen und sprechen Einladungen für alle aus. Über Streetworker:innen erreichen wir zum Beispiel auch obdachlose Menschen.
Interessant und klar, teure Tickets können eine beachtliche Hürde werden. Wie gehen Sie mit anderen Barrieren um? Welche Maßnahmen setzen Sie um, damit Ihr Festival barrierefrei zu erleben ist?
IRMSCHER: Das ist ein großes Feld. Das erste, an das alle denken, ist der Zugang für Menschen mit Behinderung, die auf einen Rollstuhl oder andere Gehhilfen angewiesen sind. Wir nutzen als wichtigsten Weg auf dem Gelände in den Mainwiesen einen geteerten Weg, sodass man sich auf dem Gelände im Vergleich zu anderen Festivals sehr gut bewegen kann. Wir entwickeln für Menschen mit anderen körperlichen Behinderungen ebenfalls Lösungen, beispielsweise Gebärdendolmetschen, einfache Sprache auf unserer Website, in unseren Printmedien und so weiter. Wir haben auf unserem Festival auch ein Soli-System, über das Menschen mit wenig oder keinem Einkommen Essen oder Getränke sowie den kostenlosen Zugang zu Toiletten erhalten können.
Wir denken bei diesen Themen nicht nur an Behinderungen, sondern an die diversen Bedürfnisse unserer Gäste, zum Beispiel auch an ältere Gäste oder kleine Kinder. Wir schaffen mehr Schattenflächen, mehr Sitzgelegenheiten, halten Gehörschutz für die Kleinsten bereit oder arbeiten an Möglichkeiten, Medikamente zu kühlen. Da gibt es viele Angebote. Unser Maßnahmenpaket ist sicherlich nicht perfekt, aber wir sind ständig dabei, diesen Bereich auszubauen. Wir möchten beispielsweise die Repräsentanz von Menschen mit Behinderung auf den Bühnen steigern – oder auch im Kreis der Mitarbeitenden, sodass wir auch in diesen Bereichen zu einem Festival für alle werden.
Würden Sie sagen, dass Ihr Musikfestival ein Vehikel für zivilgesellschaftliches oder politisches Engagement ist?
IRMSCHER: Absolut. Das spiegelt sich in vielem wider, was ich bereits erwähnt habe: Streetwork oder unser Soli-System. Darüber hinaus haben wir eine Fläche für Informationsstände. Dort können sich verschiedene Initiativen präsentieren. Das Spektrum ist weit: Umwelt, Soziales, Politik, Kultur. Wer eine Plattform für seine Initiative sucht, kann sie über uns bekommen. Je nach Anliegen bieten wir auch die Möglichkeit, Mittel für die eigenen Projekte zu sammeln. Beispielsweise können Initiativen einen unserer Getränkestände übernehmen, Getränke verkaufen und gleichzeitig ihr Anliegen präsentieren. Wir hatten zum Beispiel eine Kooperation mit dem Verein „Mit Sicherheit Verliebt“. Ein Verein von Medizinstudierenden, die Sexualaufklärung an Schulen machen. Deren Team hat ihre Schulungsmaterialien in den Bierstand integriert, auf eine ganz witzige Art. Ein anderer wurde übernommen von unserer Ortsgruppe von Viva con Agua und so weiter. So kommen Menschen ins Gespräch zu ganz unterschiedlichen Themen, während sie gerade eigentlich nur Getränke kaufen.
Interessante Formate. Wie sieht es bei Ihnen mit dem Thema Awareness aus? Viele Musikfestivals haben in den letzten Jahren Awareness-Teams eingesetzt. Besteht da auch bei Ihnen der Bedarf?
IRMSCHER: Es gibt diverse Diskriminierungsformen auf Festivals, auf der Bühne, vor oder hinter der Bühne, ganz egal. Das reicht von Sexismus im Programm, doofen Sprüchen über Ableismus bis zu Rassismus. Jede Form von Diskriminierung, die in der Gesellschaft vorkommt, kommt auch auf Musikfestivals vor. Es kommt also darauf an, wie man damit umgeht. Gänzlich verhindern lässt sich das nicht. Wir haben jetzt seit drei Jahren ein Awareness-Team. Ich empfinde es als großen Vorteil, dass man über diese Mitarbeitenden viel näher am Geschehen ist. Wir nehmen uns natürlich auch Feedback über E-Mails oder anonyme Briefkästen ernst. Aber wenn man Menschen im Team hat, die sich auf dem Gelände aufhalten und sensibilisiert für diese Themenbereiche sind, bekommt man viel mehr mit. Wenn es Probleme mit einzelnen Mitarbeitenden von externen Dienstleistern gibt, kann man das viel besser und direkt vor Ort klären. Eine interessante Anekdote: Wir haben eine Rolli-Bühne, so eine große Rampe vor der Bühne. Viele Menschen ohne sichtbare (Geh-)Behinderung haben diese Rampen genutzt. Wir haben das bemerkt und dachten, wir müssten eingreifen. Wir haben also Schilder aufgehangen, die darauf verwiesen haben, dass der Bereich für Menschen mit Behinderung vorgesehen ist. Was wir nicht gedacht hätten: Danach haben uns viele Menschen im Rollstuhl angesprochen und gesagt, dass sie es total schön fanden, dass man gemeinsam dort oben das Konzert angeschaut hat. Das war ein tolles Learning und ohne Mitarbeitende, die einen Blick dafür haben, hätten wir das nicht so gut lösen können.
Ein interessanter Perspektivwechsel. Ein weiterer Bereich, der in den letzten Jahren zunehmend eine Rolle spielt, ist Nachhaltigkeit. Inwiefern ist das bei Ihrem Festival relevant?
IRMSCHER: Relevant sind viele Bereiche. Ich persönlich finde, dass Ernährung eine größere Beachtung finden könnte. Vegetarische oder sogar vegane Angebote für Besuchende und im Backstage wären vergleichsweise einfach umzusetzen, aber natürlich sind viele Menschen nicht bereit, auf Fleisch zu verzichten. Alternativ könnten die Gerichte mit Fleisch teurer angeboten werden oder auch der Fleischanteil des Gerichts reduziert werden. Ansonsten sind Müll und Wasser große Themenkomplexe. Mobilität, insbesondere der An- und Abreiseverkehr des Publikums hat ein großes Gewicht. Wir haben eine CO2-Bilanzierung gemacht. Obwohl unser Festival sehr gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen ist, hatten Emissionen im Zusammenhang mit der Mobilität von Gästen einen sehr großen Anteil an unseren Gesamtemissionen. Dann möchte ich gar nicht wissen, wie das erst für die Festivals aussieht, die wirklich nur mit dem Auto zu erreichen sind.
Eine Bilanzierung ist sicherlich aufschlussreich zur Orientierung. Haben Sie eine Nachhaltigkeitsstrategie oder konkrete Ziele, nachhaltiger zu werden?
IRMSCHER: In Würzburg gibt es das Bündnis Klimakultur, in dem alle Kulturinstitutionen Mitglied sein können. Darüber tauschen wir uns aus. Die CO2-Bilanzierung war ein erster Schritt für uns. Es macht einen Unterschied, für welche kulturelle Aktivitäten man diese Zahlen nun evaluiert und was man daraus ableitet. Hat man ein eigenes Gebäude? Findet man das ganze Jahr statt? Oder nur zu einem bestimmten Zeitpunkt? In dem Bündnis beteiligen sich unter anderem auch ein Museum, die Stadtbücherei und mehrere Theater. Die Mobilität der Besucher:innen war bei allen der Hauptfaktor. Gemeinsam mit den anderen Institutionen erarbeiten wir nun Lösungen. Was bei uns im Gegensatz zu anderen nicht so leicht funktioniert, ist die Kooperation mit dem örtlichen Verkehrsverbund. Wir verkaufen keine Tickets, können also auch keine Gebühr für die Mitnutzung des ÖPNV anbieten. Und als einzelne Institution mit so einem großen Partner zu verhandeln, ist auch häufig nicht so leicht. Das geht gemeinsam etwas leichter. Deshalb müssen am Ende alle Maßnahmen im konkreten Zusammenhang entwickelt und umgesetzt werden. Wir inspirieren uns auch gegenseitig.
Lassen Sie uns abschließend noch über das Thema Förderung reden. Förderkulissen haben sich zuletzt für Musikfestivals sehr gewandelt. Für manche Festivals spielt Förderung keine Rolle, für andere ist sie essenziell. Wie ist das bei Ihnen?
IRMSCHER: Ohne öffentliche Förderungen würden wir unser Festival nicht stemmen können, allerdings ist der Anteil am Gesamtbudget kleiner, als man denken würde. Viele Gelder sind zweckgebunden, beispielsweise in der Nachwuchsförderung auf der U25-Bühne. Die Produktionskosten sowie Lohnkosten sind zuletzt gestiegen und steigen auch weiterhin. Gleichzeitig ist der Haushalt der Stadt angespannt. Wir haben zum Glück mittlerweile ein so gutes Standing, dass die Stadt nicht möchte, dass wir aufgrund finanzieller Engpässe aufgeben müssen und haben tatsächlich nochmal eine Erhöhung der institutionellen Förderung bekommen. Der Bezirk steuert auch Mittel bei, also Landesmittel. Wir wundern uns manchmal, wie unterschiedlich die Fördermöglichkeiten sind. Es gibt in Bayern bspw. auch einen sehr großen Fördertopf für Festivals der Klassischen Musik, auf den wir allerdings leider nicht zugreifen können. Andererseits gibt es über die Initiative Musik eine Möglichkeit, Bundesmittel zu erhalten. Dafür sind wir sehr dankbar. Was die Stadt betrifft, ist es schön, dass wir Unterstützung aus verschiedenen Bereichen erhalten können. Vom Kulturamt, aber zum Beispiel auch vom Sozialreferat, vom Fachbereich Jugend und Familie, der uns seine Busse und Transporter leiht. Absperrgitter oder andere Infrastruktur können wir vom Bauhof der Stadt bekommen. So etwas ist neben der rein finanziellen Unterstützung sehr viel wert. Natürlich kann man sich immer mehr Geld wünschen und wir könnten mehr Geld auch sinnvoll verwenden. Wir haben gelernt, immer pragmatisch genug zu sein, damit wir unser Festival Jahr für Jahr erfolgreich umsetzen können.
Ein schönes Schlusswort. Viel Erfolg für die kommende Festivalausgabe.
IRMSCHER: Vielen Dank.
Das Interview wurde von Niklas Blömeke (Büro für Kulturstatistik) im Rahmen der Festivalstudie geführt und im Frühjahr 2025 für die Veröffentlichung aufbereitet.










