Was macht ein gutes Musikfestival Ihrer Meinung nach aus?
HETZER: Wir machen Musikfestivals zuallererst für unsere Gäste. Ein Qualitätsmerkmal ist also die Zufriedenheit der Menschen, die ein Ticket gekauft haben. Gleichzeitig haben wir viele weitere Stakeholder. Damit meine ich zum Beispiel alle Künstler:innen, Brand Partner:innen, Produktionsgewerke und auch die zuständigen Behörden. Im Grunde besteht die Qualität eines guten Musikfestivals darin, dass alle Stakeholder zufrieden mit der Veranstaltung sind – nicht zuletzt aber natürlich auch wir selbst, denn unser Team aus Musikliebhaber:innen hat eine klare Vision, was wir auf, vor und hinter den Bühnen erreichen möchten. Natürlich können wir das nur, wenn auch das wirtschaftliche Ergebnis stimmt. Um ehrlich zu sein, ist das momentan eine der größten Herausforderungen für Veranstalter:innen: Mit welchem Ergebnis kann ich aus einem Musikfestival herausgehen, das dem immensen Risiko dieser Veranstaltung auch gerecht wird?
Inwiefern würden Sie sagen, dass sich der Markt für Musikfestivals in den letzten Jahren in dieser Hinsicht verändert hat?
HETZER: Wir haben einen guten Überblick über die gesamte Festivallandschaft, vor allem in unserem unmittelbaren Wettbewerbsumfeld. Natürlich gibt es viele verschiedene Festivals, in ganz unterschiedlichen Größen und mit ganz unterschiedlichen Ausrichtungen. In dem Segment, in dem wir arbeiten, ist es unserer Beobachtung nach nicht so, dass Musikfestivals wie Pilze aus dem Boden schießen. Das hat selbstverständlich auch etwas mit dem extremen betriebswirtschaftlichen Risiko zu tun, denn selbst bei einer ausverkauften Veranstaltung in dieser Größenordnung bleibt die Rendite vergleichsweise gering. Und das ist auch eine Frage der Struktur und der Zielsetzung eines Festivals. Es gibt Veranstaltungen, die auf Vereinsbasis organisiert sind, oft mit viel ehrenamtlichem Engagement – das funktioniert in einigen Bereichen natürlich nach anderen Logiken. Im Bereich der Major-Festivals sind die Vorzeichen in Teilen aber anders. Hier sind die Erwartungen von Partner:innen, Behörden und Publikum teils deutlich höher. Zudem steigen die Anforderungen an Infrastruktur, Sicherheit und Nachhaltigkeit für Festivals stetig an. Das alles macht es nicht einfacher – aber wir nehmen die Herausforderung an.
Sie veranstalten in Europa über 30 Musikfestivals. Welche Faktoren spielen bei der Programmplanung für Sie eine Rolle? Woran orientieren Sie sich als Programmverantwortliche bei der Kuratierung eines Musikfestivals?
THANSCHEIDT: Das Programm orientiert sich immer an der musikalischen DNA des jeweiligen Musikfestivals. Deshalb buchen wir die Musiker:innen und Bands für jedes Musikfestival individuell, sodass unsere Gäste im Idealfall große Namen und angesagte Newcomer gleichermaßen erleben können. Logischerweise haben wir dabei auch den Zeitgeist im Blick, das Programm lebt immer auch von neuen Impulsen, neuen Acts. Das Genrespektrum ist je nach Festival mehr oder weniger klar abgesteckt: Beim Mera Luna Festivals spielen beispielsweise ausschließlich Bands aus dem Gothic-Bereich. Andere Festivals sind viel eklektischer, genauso wie es auch die Hörgewohnheiten unserer Gäste geworden sind. Diese Mischung jedes Jahr wieder zu finden und auszubalancieren, ohne den roten Faden zu verlieren, ist die größte Kunst bei der Kuratierung eines Musikfestivals. Wir versuchen zu antizipieren, was unserem Publikum gefallen könnte – auf Basis unserer Musikkenntnis, aber auch Daten, die wir etwa in Besuchendenumfragen erheben. Am herausfordernsten ist es natürlich, neue, unbekannte Acts zu buchen, von denen unsere Gäste vielleicht noch gar nicht wissen, dass sie diese Acts gut finden werden. Damit das klappt, muss man verstehen, wie Line-Ups im Gesamten funktionieren. Und auch wie stark die Zugkraft einzelner Bands im Festivalkontext ist. Denn eine Band, die eine Arena ausverkauft, muss nicht automatisch ein Publikumsmagnet für ein Musikfestival sein, weshalb wir immer am Puls der Zeit bleiben, offen sein, den Markt scannen müssen, im Austausch mit unserer Tournee- und unserer örtlichen Abteilung stehen, zu Konferenzen und Messen und Conference- und Showcase-Festivals fahren und viele Acts selbst live erleben. Das ist nicht einfach, und man sieht zuletzt, dass daran viele Musikfestivals scheitern. Von den Festivals in Deutschland sind die wenigsten restlos ausverkauft. In Zeiten, in denen Acts immer teurer werden und die allgemeinen Produktionskosten explodieren, ist ein spannendes Programm wirklich eine Kunst.
Welche Relevanz haben Musikgenres für Ihre Musikfestivals oder auch für Musikfestivals im Allgemeinen?
THANSCHEIDT: Genres haben weniger Relevanz als vor dem Streaming-Zeitalter, weil sich das Musikkonsumverhalten stark verändert hat. Mein Eindruck ist, dass Genres vor allem für junge Menschen nicht mehr so wichtig sind. Das ist fluider geworden. Diese Leute hören diverse Genres, in ihren eigenen Playlists auf den Streamingportalen, wo Vielfalt und Durchmischung so hoch wie in keinem anderen Musikmedium sind. Im Großen und Ganzen wurde die starre Szene-Zugehörigkeit damit aufgebrochen. Gleichzeitig muss man in dieser Situation als Veranstalter von Musikfestivals aufpassen, dass man nicht zwischen den Stühlen landet: Genre-Fluidität bedeutet ja nicht Genre-Beliebigkeit. Auf unseren Festivals haben wir beispielsweise bereits vor knapp 15 Jahren mit elektronischer Musik experimentiert. Danach kam der Hiphop-Boom, später eine ganze Welle sehr erfolgreicher deutscher Acts. Abseits der Frage nach dem Genre gibt es einen viel stärkeren Fokus auf Acts aus Deutschland. Ich beobachte zwar auch eine Entwicklung zurück zu mehr Internationalität, wobei sich der Festivalmarkt weltweit stark gewandelt hat.
Wie blicken Sie auf den Nachwuchsbereich und die Talententwicklung? Was können und sollten Musikfestivals in diesem Bereich leisten?
THANSCHEIDT: Dieses Thema hat unsere Arbeit schon immer bestimmt. Ein Beispiel: 2012 hat ein junger Musiker die kleinste Bühne auf unserem kleinsten Festival, dem Rolling Stone Beach, auf dem frühesten Slot des Tages gespielt. Dieser Musiker heißt Ed Sheeran. Solche Geschichten gibt es immer wieder. Viele Acts, die mittlerweile Arenen ausverkaufen, haben bei uns ganz klein angefangen. Wir haben mit Gastspielreisen eine eigene Booking-Division, mit der wir zahlreiche Talente aus Deutschland aufbauen. Außerdem gibt es das Format „Mucke bei die Fische“, unser eigenes Nachwuchs-Showcase-Festival, oder den „Game Changer Contest“, der sich an Flinta*-Acts richtet, die die Chance auf Slots beim Hurricane und Southside Festival bekommen.
Thema Barrierefreiheit. Für Festivals sehr herausfordernd. Wie gehen Sie mit dem Thema um? Was bedeutet Barrierefreiheit für Sie?
HETZER: Dort, wo wir einen Großteil unserer Festivals veranstalten, befinden sich unterjährig in weiten Teilen grüne Wiesen. Die dortige Infrastruktur wird also fast vollständig von uns geschaffen. Das allein ist schon eine Herausforderung, und beim Thema Barrierefreiheit wird sie noch größer. Oft wird Barrierefreiheit dabei auf „rollstuhlgerecht“ reduziert. Das ist zwar ein wichtiger Aspekt – aber bei Weitem nicht alles. Ein Festival für Rollstuhlnutzer:innen barrierefrei zu gestalten, ist bereits ein komplexes Unterfangen. Eine Rollstuhltribüne gehört inzwischen zum Standard – aber wie kommen die Menschen dort eigentlich hin und wieder weg? Wo können sie campen? Und wie sieht es mit der Anreise aus, insbesondere mit dem öffentlichen Nahverkehr? Die sogenannte „letzte Meile“ ist nach unseren Erfahrungen für viele Menschen mit Behinderung oft das größte Hindernis. Wer beispielsweise mit einem elektrischen Rollstuhl unterwegs ist, braucht auch während des Musikfestivals Zugang zu Strom. Andere erwarten zu Recht, dass sie ihre Medikamente kühlen und lagern können. Barrierefreiheit beginnt zudem schon vor dem Festival, beispielsweise beim Thema Information durch einfache Sprache. Es geht des Weiteren auch um Konzepte für Menschen mit Hör- oder Sehbehinderungen. Wir haben in den vergangenen Jahren u. a. mit spezialisierten Initiativen und mit Menschen mit Behinderung wirkungsvolle Ansätze zur Reduktion von Barrieren auf Festivals erarbeitet und wissen gleichzeitig, dass noch Luft nach oben ist. Wir gehen das Thema bewusst etappenweise an. Uns geht es nicht darum, möglichst viel gleichzeitig umzusetzen – sondern darum, Maßnahmen auf ein solides und funktionierendes Niveau zu bringen, bevor wir den nächsten Bereich angehen. Barrierefreiheit ist kein einmaliges Unterfangen, sondern ein stetiger Prozess.
Die Nachhaltigkeit von Musikveranstaltungen ist ein viel diskutiertes Thema in der Branche: In welchen Nachhaltigkeitsbereichen würden Sie sich mit Blick auf Musikfestivals in den nächsten Jahren die größten Sprünge erhoffen?
THANSCHEIDT: Tatsächlich in allen Bereichen, obwohl wir schon seit Jahren an ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit arbeiten. Wir haben 2010 mit unserem Sustainability-Programm „Grün Rockt“ angefangen. Wir waren die Ersten, die Green Camping in Deutschland ausgerollt haben. Wir waren die Ersten, die angefangen haben, Müll vor Ort zu trennen. Wir waren die Ersten, die mit der gemeinnützigen Organisation „Hanseatic Help“ Zelte, Schlafsäcke und Isomatten für Bedürftige wieder aufbereitet haben. Mittlerweile haben wir eine eigene Nachhaltigkeitsabteilung und versuchen unter anderem, unseren CO2-Fußabdruck kontinuierlich zu reduzieren. Im Energiebereich ist das besonders wichtig und herausfordernd. Manches liegt nicht in der Hand derjenigen, die das Festival veranstalten. Am liebsten würden wir alle Bühnen mit Feststrom ausstatten und mit grünem Ökostrom betreiben. Teilweise haben wir das in Eigenregie mit den örtlichen Stadtwerken geschafft, teilweise geben es die örtlichen Netzstrukturen aber leider nicht her.
HETZER: Für mich sind die drei Hauptbereiche ökologischer Nachhaltigkeit die Energieversorgung, das Entsorgungsmanagement und die An- und Abreise. Letzteres betrifft den Produktionsverkehr, aber vor allem unsere Gäste. Wir freuen uns über jeden Gast, der mit der Bahn oder anderen nachhaltigen Verkehrsmitteln anreist. Aber natürlich stoßen wir auch an Grenzen. Vieles hängt von einer guten Infrastruktur und starken lokalen Partnerschaften ab – ob beim ÖPNV oder bei der Energieversorgung. Gerade bei Letzterem sind Investitionen oft langwierig, sowohl in der Umsetzung als auch in der Amortisation. Leider fehlt uns dafür oft die nötige Planungssicherheit, etwa durch kurzfristige Genehmigungen oder anderweitige unsichere Rahmenbedingungen. Wir erwarten dabei keine Sonderbehandlung oder Geschenke – aber eine faire Chance. Und die politische Unterstützung, die in anderen Branchen längst selbstverständlich ist, sollte auch im Kulturbereich möglich sein. Festivals sind Teil der gesellschaftlichen Entwicklung – auch, wenn es um Nachhaltigkeit geht.
THANSCHEIDT: Ich möchte an dieser Stelle außerdem gerne mit einem Mythos aufräumen: Wir bilanzieren bereits seit längerem unsere Müllmengen. Wir haben ein umfangreiches Entsorgungskonzept und wissen also, wo und wie viel Müll anfällt. Wir haben das Müllaufkommen unserer Musikfestivals mit den Zahlen des Statistischen Bundesamts verglichen, die die alltäglichen Müllmengen pro Kopf beziffern. Vergleicht man beide Zahlen, fällt auf, dass der Müllverbrauch auf unseren Musikfestivals gemittelt nicht höher ist als im Alltag.
Sie haben angesprochen, dass Sie sich teilweise mehr Unterstützung wünschen würden. Womit könnte man Musikfestivals momentan zum Beispiel helfen?
THANSCHEIDT: In erster Linie ist es finanzielle Unterstützung, die es uns ermöglicht, Maßnahmen umzusetzen. Ich finde, dass es kein Wettbewerbsnachteil sein darf, wenn man sich in Sachen Nachhaltigkeit engagiert. Uns muss niemand überzeugen, dass es sinnvoll ist, nachhaltige Veranstaltungen zu produzieren. Das wissen wir seit Langem und setzen viele Dinge bereits aus Überzeugung um. Spätestens seit der Corona-Pandemie sind die Gewinnmargen im Festivalmarkt allerdings deutlich kleiner geworden. Gleichzeitig ist das wirtschaftliche Risiko gestiegen. Unsere Ticketpreise sind am Limit. Wir laufen Gefahr, dass wir Menschen über den Preis für das Festivalwochenende ausschließen. Soziale Nachhaltigkeit ist also auch ein Thema, und wir dürfen diese Dimensionen nicht gegeneinander ausspielen. Weitere Fortschritte in der ökologischen Nachhaltigkeit sollten also kein Luxus werden, der Musikfestivals für manche unerschwinglich macht. Wir brauchen Förderinstrumente, die Musikfestivals gezielt und projektbezogen unterstützen. Dazu muss Geld bereitgestellt werden, das auf kommunaler, Landes- oder Bundesebene unkompliziert zu beantragen und abzurufen ist.
HETZER: Es gibt ja bereits Förderprogramme in anderen Wirtschaftsbereichen, in der Bauwirtschaft zum Beispiel. Wer heute ein Haus nachhaltig bauen oder sanieren will, kann auf verschiedene Fördermöglichkeiten zurückgreifen. Warum gibt es so etwas nicht auch für den Festivalbereich? Natürlich könnte man fragen, warum wir in ländlichen Räumen veranstalten und nicht die Infrastruktur nutzen, die Städte bieten. Meiner Meinung nach greift dieser Punkt aber zu kurz, denn auch in städtischen Räumen stoßen wir auf große Hürden – sei es beim Immissionsschutz oder bei logistischen Einschränkungen. Am Ende beißt sich die Katze da oft in den Schwanz: Weder der ländliche Raum noch die Stadt liefern eine perfekte Lösung – und genau deshalb braucht es flexible und faire Unterstützung, die die Realität von Kulturveranstaltungen besser abbildet. Was es aber eben bisher kaum gibt, sind gezielte Förderungen für Nachhaltigkeitsmaßnahmen in diesem Kontext.
THANSCHEIDT: Wir müssen uns ehrlich fragen, was uns Musikfestivals wert sind. Im aktuellen sozialen Gefüge sind diese Veranstaltungen meiner Meinung nach für viele Menschen wertvoll und relevant wie nie. Wir brauchen Orte, an denen man zusammenkommen und dem Alltag entfliehen kann. Ja, wir sind wirtschaftlich tätig, aber gleichzeitig tragen wir zur kulturellen Grundversorgung eines großen Teils der Bevölkerung bei. Die momentane Förderlandschaft im Bereich Musik spiegelt all das überhaupt nicht wider. Ich sehe da einen massiven Nachteil und frage mich, warum der kulturelle Mehrwert, den wir bieten, oft so wenig gesehen wird. Wie gesagt, wir möchten nichts geschenkt bekommen, aber wir möchten für unsere selbst initiierten Fortschritte im Bereich der Nachhaltigkeit unter hohem wirtschaftlichem Risiko auch nicht benachteiligt werden.
Das Interview wurde von Niklas Blömeke (Büro für Kulturstatistik) im Rahmen der Festivalstudie geführt und im August 2025 für die Veröffentlichung aktualisiert.















