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Kinan Azmeh und Aynur beim Morgenland Festival Osnabrück
Kinan Azmeh und Aynur beim Morgenland Festival Osnabrück  
Foto:  Andy Spyra

Seit 2005 zeigt das Morgenland Festival Osnabrück die Musikkultur des Vorderen Orients in ihrer ganzen Vielfalt – von traditioneller Musik bis zu Avantgarde, Jazz und Rock. Mit dem Begriff „Weltmusik“ kann Michael Dreyer wenig anfangen: Was soll das sein? Welche Musik wäre nicht von dieser Welt?

Herr Dreyer, mal ganz allgemein gefragt: Was macht ein gutes Musikfestival Ihrer Meinung nach aus? 

DREYER: Ein gutes Musikfestival präsentiert spannende Musik. Es ist ein Ort, an dem Musiker:innen und Publikum zusammenkommen, die sich sonst nicht begegnen. Ein Ort, wo neue Ideen, also neue Musik entstehen kann. 

Die deutsche Musikfestivallandschaft ist sehr divers. Wie würden Sie diese Diversität beschreiben, und wie positioniert sich darin das Morgenland Festival Osnabrück?

DREYER: Von der Ruhrtriennale über Morgenland Festival bis Wacken – das ist eine enorme Spanne. Ich glaube, diese Vielfalt ist Ausdruck des riesigen musikalischen Reichtums, den man in diesem Land genießen kann. Das ist ein großer Luxus. Es gibt zum einen große, kommerzielle Musikfestivals. Zum anderen gibt es Musikfestivals, die den Anspruch haben, musikalische Labore zu sein, Keimzellen für neue musikalische Entwicklungen. Ich erinnere mich, zu Beginn des Morgenland Festival Osnabrück, da kannte eigentlich niemand irgendeinen Namen der Musiker:innen auf dem Programm. Das ist gewagt, weil wir ja doch Publikum brauchen. Solche Festivals mache ich seit 20 Jahren. Wir engagieren unsere Künstler:innen so gut wie nie über Agenturen. Alles sind Projekte, die durch persönliche Kontakte entstehen. Die können in Clubs, Konservatorien, nach Konzerten oder bei Freunden entstehen. Bei mir waren es über viele Jahre ausgedehnte Reisen zwischen Kaukasus und Xinjiang in Nordwestchina. Ich hatte das Glück, sehr viel Zeit reisend und hörend unterwegs sein zu können. Wir haben die Konzertformate immer gemeinsam mit den Musiker:innen entwickelt und diese Spannung und Freude mit dem Publikum geteilt. Ich möchte, dass mein Festival ein Labor ist.

Wer arbeitet in diesem Labor noch mit – abseits von den Gästen und Musiker:innen?

DREYER: Das Festival wird von einem Trägerverein veranstaltet. Ich habe zwei Kolleginnen, die fest angestellt sind: Eine Produktionsleiterin und eine Kollegin für Finanzen und Controlling. Während des Festivals haben wir etwa ein Dutzend Mitarbeiter:innen, die für zwei, drei Monate dazustoßen, vor allem für Künstlerbetreuung, Kommunikation, Logistik. 

Womit steht und fällt Ihr Festival? Welche Personen sind für das Festival besonders wichtig?

DREYER: Besonders wichtig ist, dass unser Kernteam harmoniert. Dazu gehört auch unser Kamerateam. Wir haben einen sehr erfolgreichen YouTube-Kanal mit bis zu 30.000 Zuschauern am Tag. Insgesamt wurden Mitschnitte des Festivals an die 30 Millionen Mal geschaut, zwei Millionen Stunden lang. Ein Festival wie unseres funktioniert nur mit Drittmitteln. Wir finanzieren uns nicht allein durch Eigeneinnahmen. Deshalb sind Stiftungen, Ministerien oder Rundfunkanstalten sehr wichtig für uns. 

Bei vielen Festivals spielt auch ehrenamtliches Engagement eine wichtige Rolle. Wie ist das bei Ihnen? Und wie stehen Sie generell zum Thema Ehrenamt im Kulturbereich?

DREYER: Das ist eine gute Frage. Das ist zweischneidig. Initiativen unter dem Motto „Ehrenamt stärken!“ finde ich generell gut. Gleichzeitig ist es im Kulturbereich so, dass wir einen unglaublichen Hang zur Selbstausbeutung erleben. Man muss aufpassen, dass man das nicht kultiviert. Die Haltung sollte grundsätzlich sein, dass gute Arbeit angemessen bezahlt wird. Bei uns helfen aber auch viele Menschen im erweiterten Kreis, die wir über Ehrenamtspauschalen honorieren. Wir haben einen Freundeskreis. Viele arbeiten aus Idealismus mit. Sie kämen nicht auf die Idee, branchenübliche Tagessätze aufzurufen. Das Ehrenamt hat auch andere Potenziale – etwa, die Stadtgesellschaft miteinzubinden. 

Ich würde gerne auf das Programm zu sprechen kommen. Sie veranstalten Ihr Festival schon seit 20 Jahren. Welche Faktoren spielen bei der Programmplanung eine Rolle? Woran orientieren Sie sich als Programmverantwortlicher? 

DREYER: Das ist eine lange Geschichte bei diesem Festival. Das erste Festival war 2005. Das heißt, dass die Vorbereitungen 2004 losgingen. Damals konnte man jeden Abend im Fernsehen etwas über politische Katastrophen im Nahen Osten sehen. Ich dachte: Das ist verrückt! Man hört gar nichts über die Zivilgesellschaft. Das ist heute ein bisschen anders als damals. Über Musik hat man damals gar nichts gehört. Gibt es Hip-Hop in Iran? Gibt es Jazz in Syrien? Das war wie ein riesiger weißer Fleck auf der Landkarte. Weil ich damals sehr gerne gereist bin, wollte ich unbedingt dort hin und die Musikkulturen selbst erleben. Von traditioneller Musik über komponierte Musik, Avantgarde, Rockmusik, Underground, ganz egal. Das war geplant für ein Jahr. Daraus wurden dann 20 Jahre. Es gibt so viel wundervolle Musik, die wir einfach gar nicht hören. Wir kennen die Debatte um Postkolonialismus und kulturelle Aneignung. Darum geht es hier nicht. Ich dachte damals und denke auch heute: Mensch, sind wir blöd, dass wir diese Musik nicht hören! Wir verpassen so viel Schönheit. Und was ist denn heute Avantgarde in der Musik, über 70 Jahre nach Cages 4'33? Vielleicht entsteht sie in der Begegnung verschiedener musikalischer Idiome. Wie und wo können sie sich begegnen und was kommt dabei heraus? Im besten Fall ergibt das: 1 plus 1 gleich 3. Das ist es, was wir seit 20 Jahren versuchen. Da sind Freundschaften und ein riesiges Netzwerk entstanden. Und diese Beziehungen beeinflussen das Programmieren. Und in der Zeit ist unser Publikum mitgewachsen. Stellen Sie sich vor: Iraqi Maqam oder traditionelle uigurische Musik, das ist schon herausfordernd für westliche Hörgewohnheiten. Und da sitzen 500 Gäste und hören neugierig zu. 

Würden Sie sagen, dass Diversität bei der Programmplanung für Sie ein bedeutender Faktor ist? 

DREYER: Tja, was meinen wir genau mit Diversität? Bei uns sind Menschen auf der Bühne, die wir in der Regel nicht auf europäischen Bühnen sehen. Insofern ist das Morgenland Festival wahrscheinlich das Diversitätsfestival par excellence. Am Anfang hatte jede Festivalausgabe einen Länderschwerpunkt. Dann haben wir festgestellt, dass dieses Programmieren Quatsch ist: Du hast dann beispielsweise gute Kontakte in Pakistan oder im Iran aufgebaut und dann sagst du: So, nächstes Jahr Afghanistan. Das macht keinen Sinn. Deshalb machen wir keine Länderschwerpunkte mehr. Wir hatten zuletzt andere Schwerpunkte, zum Beispiel haben wir besonders viele junge Musikerinnen präsentiert. Das haben wir aber nicht thematisiert oder auf Plakate geschrieben, es waren einfach viele junge Musikerinnen im Programm. Meine Stieftochter und ich haben irgendwann abends in der Küche mal spaßeshalber die Thumbnails der Videos auf unserem YouTube-Kanal ausgewertet. Das sind Mitschnitte von über 200 Konzerten. Und das Geschlechterverhältnis war ziemlich ausgeglichen - und das, ohne dass wir in den letzten 20 Jahren darauf geachtet hätten.  

„Was soll das sein? Weltmusik? Welche Musik ist denn nicht von dieser Welt?“
Autor
Michael Dreyer, Künstlerischer Leiter des Morgenland Festivals Osnabrück

Ob Zufall oder unbewusste Entscheidung, das ist ein interessanter Befund. Jenseits von Geschlecht oder Nationalitäten: Welche Relevanz haben Musikgenres für Ihr Musikfestival?

DREYER: Ich würde diese Schubladen sehr gerne aufweichen. Es hilft uns allen nicht, Musik einzusortieren in Klassik, Jazz, Popular, World. Diese Schubladen halten uns davon ab, etwas Neues zu hören, weil wir denken: Oh nein, das ist ja nicht mein Bereich. Und bei Weltmusik, das ist schon eine sehr eigene Sache. Was soll das sein? Weltmusik? Welche Musik ist denn nicht von dieser Welt? Früher gab es in Plattenläden einen Schuber Weltmusik, und da gab es dann irgendwie alles, was anderswo nicht reinpasste, ein Kuriositätenkabinett, Exotismus. Witzigerweise muss ich aber auch bei Anträgen ankreuzen, was ich plane. Und dann geht es los: Konzertreihe, Festival, Theater? Und dann kommt die Liste: Klassik, World, so und so. Ich meine, was ist denn auch Klassik eigentlich für ein Begriff? 

Gibt es ein Genre, ein Label oder eine Schublade, mit der Sie sich wohlfühlen? 

DREYER: Musik. Keine Ahnung. Also ja: Musik. Punkt. (lacht)

Das lassen wir so stehen. Was leisten Musikfestivals im Bereich Nachwuchs und Talententwicklung? Was können oder sollten sie leisten?

DREYER: Ich glaube, dass im offiziellen Musikleben die Angst umgeht, wenn man die Haarfarbe des Publikums betrachtet. Alle haben gemerkt, dass etwas passieren muss. Darum hat heute jedes Sinfonieorchester, jede städtische Bühne Educationprojekte. Das ist generell super, aber es gibt ein grundsätzliches Problem. Egal ob Jekits („Jedem Kind ein Instrument") oder andere Bildungsprogramme: Warum glaubt man, dass solche Programme eine solide Musikausbildung an Schulen ersetzen können? Warum garantiert und finanziert man nicht erstmal diese? An erster Stelle sollte es eine gute musikalische Ausbildung an Schulen geben. Die findet leider fast gar nicht mehr statt. Und billiger sind dann eben diese Sonderprojekte. Mit Blick auf das Morgenland Festival haben wir drei Educationprojekte, die über die Jahre entstanden sind. Das erste Programm findet in Klassenräumen statt. Das heißt, wir nehmen Musiker:innen und gehen in die Schulklassen. Wir spielen gemeinsam und sprechen mit den Schüler:innen über ganz unterschiedliche musikalische Themen. Das zweite Programm ist unsere Morgenland Akademie, wo 14- bis 20-jährige Musikschüler:innen eine Woche in die Fattoria Musica kommen, ein Musikstudio außerhalb von Osnabrück, mitten in der Natur. Die Jugendlichen wohnen hier für ein paar Tage mit ausgewählten Festivalmusiker:innen. Sie kochen zusammen, spielen Tischtennis zusammen und machen den ganzen Tag Musik. Und das ist total super! Da kann man ganz viel ausprobieren, andere Rhythmen, viel Improvisation und so. Und drittens haben wir den Morgenland Campus, der Musikstudierende adressiert. Zum Campus können wir fantastische Dozierende einladen. Mit unserem Campus waren wir schon in Osnabrück, in Hamburg und in Cremona in Italien. Je nach Format sprechen wir verschiedene Altersgruppen an. Wichtig ist, die Musiklehrer:innen von morgen zu erreichen. Wenn sie weiterhin den Kanon von Bach, Brahms bis Schönberg studieren, wird sich der Musikunterricht der Zukunft nicht sehr entwickeln. 

„Bei uns spielt Neugier eine große Rolle, also die Lust, etwas Neues zu entdecken und neue Erfahrungen zu machen.“
Autor
Michael Dreyer, Künstlerischer Leiter des Morgenland Festivals Osnabrück

Das ist ein spannender Ansatz – zumal er über das Kernprogramm des Morgenland Festivals zeitlich und örtlich hinausgeht. Kommen wir vom Thema Education noch einmal auf das Thema Publikum zu sprechen. Was, meinen Sie, motiviert Menschen, ein Festival und hier speziell das Morgenland Festival zu besuchen?

DREYER: Nun, da muss man sich eigentlich die Frage stellen: Warum hören Menschen überhaupt Musik? Warum lesen Leute Bücher? Warum konsumieren Menschen kulturelle Angebote? Musik kann inspirierend sein, begeisternd oder tröstend. Musik kann all das vielleicht ein bisschen besser als andere Formate. Ich bin mir nicht sicher, ob man Musik als universelle Sprache ansehen kann. Aber Menschen lassen sich doch sehr gut von Musik ansprechen. Im Einzelfall ist es dann unterschiedlich. Manche Gäste möchten unbedingt diese eine Band hören, die sie bereits kennen – aus dem Radio, von Freund:innen oder so. Und dann gibt es Gäste, die sich mit dem Programm beschäftigen und feststellen, dass sie diese Musik noch nie gehört haben. Und dass es die Musik in dieser Form vielleicht auch nur bei uns auf der Bühne zu erleben gibt. Diesen Fall gibt es bei uns sehr häufig. Bei uns spielt Neugier eine große Rolle, also die Lust, etwas Neues zu entdecken und neue Erfahrungen zu machen. 

Welche Rolle spielt mit dem Blick auf Ihr Publikum die Barrierefreiheit? Wie gehen Sie mit diesem Aspekt bei der Planung und Umsetzung Ihres Musikfestivals um? 

DREYER: Es gibt ja verschiedene Barrieren. Eine davon ist die finanzielle. Zusammen mit der Organisation KUKUK versuchen wir, diese finanzielle Barriere abzubauen. Wer sich das Konzert nicht leisten kann, kann sich für 1 Euro eine Karte an der Abendkasse holen. Das ist ein symbolischer Preis. Faktisch heißt das, dass es keine finanzielle Barriere gibt. Dazu muss man sagen, dass unser Preisniveau allgemein niedrig ist. Es entspricht ungefähr einer Kinokarte mit Popcorn und Getränk. So eine Preisstruktur finden Sie bei vielen Veranstaltungen in großen Städten, in großen Sälen nicht. Unser Ansatz ist, dass wir Angebote für alle Menschen schaffen, die aus den unterschiedlichsten Gründen nicht einfach so zu unseren Veranstaltungen kommen können. Ob es jetzt die Anreise im Rollstuhl betrifft oder das private Budget. 

Barrieren können auch sozial konstruiert sein. Dazu eine Anekdote: Als die Elbphilharmonie eröffnet wurde, wurde ich gefragt, ob ich ein Festival mit Syrienschwerpunkt kuratieren möchte. Ich habe gedacht, die Elbphilharmonie muss ein Haus für alle sein. Warum gründen wir nicht einen Chor mit Hamburger:innen und Menschen, die gerade erst in die Stadt gekommen sind? Das waren Mitte der 2010er Jahre viele Menschen, die auch Lieder und Musik mit nach Hamburg gebracht haben. Wenn wir gemeinsam proben und auftreten, werden auch die Familien zu Gast sein. Auf diese Weise haben wir eine Barriere abgebaut, die uns vielleicht oft gar nicht bewusst ist: Es gibt unsichtbare Barrieren für Menschen, die sich nicht gesehen oder nicht sicher in dieser Gesellschaft fühlen. Viele glauben, dass zum Beispiel die Elbphilharmonie kein Ort für sie sei. Diese Barriere abzubauen, war für uns in der Arbeit zentral. Der Chor hieß damals „Salam Syria Chor'“; unter dem Namen „Chor zur Welt“ gibt es ihn bis heute. 

Also Integration über Musik. Ist das etwas, was auch für das Morgenland Festival relevant ist? Oder weiter gefragt:  Engagieren Sie sich mit Ihrem Festival zivilgesellschaftlich oder politisch?

DREYER: Zivilgesellschaftlich absolut, politisch absolut nicht. Generell ist die Gefahr groß, instrumentalisiert zu werden, wenn du im Iran, Irak, Israel und manchen anderen Staaten der Region arbeitest. Das ist eine permanente Gratwanderung. Wenn du ein international wahrgenommenes Festival veranstaltest und der Fokus liegt auf uigurischer Musik oder kurdischer Musik, dann ist das in sich bereits ein Statement. Politische Statements gibt es bei uns nicht auf der Bühne. 

Ich möchte über das Thema Nachhaltigkeit im Kontext Ihres Musikfestivals sprechen. In welchen Bereichen würden Sie sich in der nahen Zukunft die größten Sprünge, die größten Veränderungen wünschen? 

DREYER: Das ist eine große Frage. Man könnte sagen, dass wir ein ganz schlimmes Festival sind: Wir fliegen schließlich die meisten unserer Musiker:innen von weither ein. Ich möchte aber nicht nur Exilmusiker:innen vorstellen. Ich möchte diese Brücken bauen und Musiker:innen einladen, die in den jeweiligen Ländern leben. In dem Zusammenhang kann man auch unsere Videoproduktionen für den YouTube-Kanal berücksichtigen. Wir verschaffen hierüber allen Menschen auf der Welt Zugang zu dieser Musik. Das ist im besten Sinne public domain. Ich weiß nicht, ob das streng genommen unter den Begriff Nachhaltigkeit fällt, aber wir haben über 30 Millionen Zuschauer online. Und diese Menschen sind dafür nicht Auto gefahren und nicht ins Flugzeug gestiegen. Ich kann in Chicago wohnen, ich kann aber auch irgendwo im Hinterland von sonstwo wohnen. Alle Menschen haben Zugriff auf unsere Musikveranstaltungen. Es wäre ein Totschlagargument, zu dem Schluss zu kommen, es sei besser, wenn wir niemanden mehr einladen oder gar nichts mehr veranstalten. Das kann nicht die Lösung sein. Wir wägen jedes Jahr aufs Neue wieder ab, was in einem sinnvollen Verhältnis steht. Es gibt auch eine andere Form der Nachhaltigkeit: Ich bin überzeugt, dass wir durch unsere Arbeit – und hier insbesondere auch durch die Projekte mit jungen Menschen – zur Stärkung der Gesellschaft beitragen. Wir fördern eine gesunde Gesellschaft, die Komplexität und Poesie zu schätzen weiß, die Glück nicht mit Konsum gleichsetzt und daher letztlich auch ökologisch nachhaltig lebt. 

Es gibt unterschiedliche Nachhaltigkeitsbereiche und Bilanzierungsmöglichkeiten. Haben Sie konkrete Ziele, Ansätze oder Strategien, um Ihr Musikfestivals messbar nachhaltig zu gestalten? Wie gehen Sie mit dem Thema Bilanzierung um? 

DREYER: Wir haben ein Strategiepapier für Nachhaltigkeit erarbeitet. Darin sind viele Einzelmaßnahmen und Prinzipien enthalten. Das sind Vorgaben für unseren Festivalalltag, die wir im Team umsetzen – zum Beispiel, dass es kein Einweggeschirr geben darf oder dass wir unseren Müll auch im hektischen Festivalbetrieb vernünftig trennen. Eigentlich ganz banale Sachen. 

Ja, verständlich. Die Rahmenbedingungen für Ihr Musikfestival sind anders als bei großen Outdoor-Events, für die eine Kleinstadt auf der grünen Wiese aufgebaut wird. 

DREYER: Ja klar, wir reden in unserem Fall von ein paar tausend Menschen im Jahr. Das ist nicht vergleichbar mit großen Pop- und Rockfestivals. Das betrifft die Anzahl der Gäste, aber auch die Anzahl der Musiker:innen, die durch die Gegend geflogen werden. Das ist bei uns alles überschaubar.

Kommen wir zum letzten Thema: Welche Erfahrungen, egal ob positiv oder negativ, machen Sie im Kontext von Förderung und Finanzierung? 

DREYER: Wir machen insofern gute Erfahrungen, als dass wir die Finanzierung seit 20 Jahren jedes Mal geschafft haben. Eine Sache erschwert die Finanzierung immer wieder: Du fängst Jahr für Jahr fast wieder bei null an. Fördermittelgeber sind vorsichtig und fördern oft nur die nächste Ausgabe, im besten Fall vielleicht für drei Jahre. In den ersten drei Jahren des Morgenland Festivals hatten wir insgesamt ein Budget von circa 1,2 Millionen Euro. Davon hat die Stadt Osnabrück, die offiziell Veranstalter war, ungefähr 25.000 Euro getragen. 25.000 von 1,2 Millionen. Den Rest haben Stiftungen, Ministerien und andere Drittmittelgeber übernommen. Diese Finanzierungen bedingen sich gegenseitig: Eine Stiftung oder ein Ministerium erwartet, dass sich auch die Stadt langfristig beteiligt. Die Stadt wiederum erwartet, dass wir andere Mittelgeber gewinnen. Da hat wahrscheinlich jedes Festival seine eigene Historie. Ich habe unzählige Stunden mit Anträgen verbracht und ich kenne und verstehe auch die Perspektive der Stiftungen. Es gibt immer mehr Anträge und gleichzeitig immer weniger Geld zu verteilen. Immer mehr Stiftungen verstehen sich als operative Stiftungen: Sie geben nicht nur Geld, um Projekte zu unterstützen, sondern sie möchten selbst etwas veranstalten oder inhaltlich beitragen. Eine breite und substanzielle Finanzierung aufzubauen und aufrechtzuerhalten, ist heute eine sehr sportliche Leistung. Sponsoring ist auch schwieriger geworden, wenn man nicht gerade für die Salzburger Festspiele bei Firmen anfragt.

Was wären Ihrer Meinung nach Ansätze, wie man Veranstalter:innen von Musikfestivals im Kontext von Förderungen helfen könnte? Welche Unterstützung wäre abseits einer pauschalen Forderung nach mehr Geld wünschenswert? Was würde Ihnen das Leben leichter machen?

DREYER: Ich glaube, dass von der Initiative Musik zuletzt gute Impulse ausgegangen sind. Was meiner Meinung nach grundsätzlich helfen würde, wäre eine Unterstützung, die noch weiter vorne ansetzt: Man könnte insbesondere unerfahrenen Antragstellenden früher helfen. Welche Förderungsmöglichkeiten gibt es überhaupt? Welche öffentlichen Mittel kommen für mein Vorhaben in Frage? Als gelungenes Beispiel für so eine Arbeit ist die Beratung von „Musikland Niedersachsen“ zu erwähnen. Das Team kennt sich sehr gut aus und lädt regelmäßig alle interessierten Festivalmacher:innen ein, um über Fördermittel zu informieren. Das ist auch eine Form von Barrierefreiheit. Wie komme ich an eine Stiftung wie die Kulturstiftung des Bundes? Das ist teilweise ein ziemlicher Akt. Oder EU-Mittel, noch schlimmer. Stellen Sie sich vor, Ihr Antrag wird genehmigt und dann merken Sie, dass Sie eine Person in Teilzeit beschäftigen müssen, um das zu verwalten und abzurechnen. Die Abrechnung ist teilweise Wahnsinn. Es gibt für diese Aspekte vereinzelt schon Beratungsangebote. Ich finde, man könnte das noch zugänglicher machen.

Ein guter Gedanke, gerade mit Blick auf die kleinen oder karrierejungen Veranstalter:innen. Wir danken Ihnen für das angenehme und aufschlussreiche Gespräch.

DREYER: Gerne. Vielen Dank.

Das Interview wurde von Niklas Blömeke (Büro für Kulturstatistik) im Rahmen der Festivalstudie geführt und im Frühjahr 2025 für die Veröffentlichung aufbereitet. 

Michael Dreyer hat das Morgenland Festival Osnabrück 2005 gegründet und war bis 2024 dessen künstlerischer Leiter.
Michael Dreyer

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