Obere Absätze
Steven Walter auf der Bühne auf dem Marktplatz beim Beethovenfest Bonn 2023
Steven Walter auf der Bühne auf dem Marktplatz beim Beethovenfest Bonn 2023  
Foto:  Daniel Dittus  /  Beethovenfest Bonn

Alljährlich im September veranstaltet das Beethovenfest in der Geburtsstadt des Komponisten rund 80 Konzerte – vom großen internationalen Orchester bis hin zum Pop-Act und flankiert von Talks, Ausstellungen und Workshops. Intendant Steven Walter möchte nicht nur das künstlerisch Exzeptionelle auf die Bühne bringen. Für ihn ist das Festival ein Ausnahmezustand, den man in der Stadt spüren muss.

Herr Walter, Sie sind Intendant eines traditionsreichen Musikfestivals. Was sind Ihre Aufgaben beim Beethovenfest?

WALTER: Laut Stellenbezeichnung oder wie es wirklich ist? (lacht) Als Intendant bin ich der künstlerische Geschäftsführer des Beethovenfests. Es gibt zudem einen kaufmännischen Geschäftsführer. „Intendant“ klingt für mich wie ein antiquierter Begriff aus dem 19. Jahrhundert. Ich bin letztlich verantwortlich für das Programm, für die Inhalte und für die Kommunikation – und ich bin unternehmerisch verantwortlich. 

Sie haben neben dem Beethovenfest auch bereits andere Festivals veranstaltet. Was macht Ihrer Meinung nach ein gutes Musikfestival aus? Was sind besonderen Qualitäten?

WALTER: Dem Wesen nach ist ein Festival ein Ort für das Besondere und das Einzigartige. Es ist gerade kein Ort, an dem normale Tourprogramme Halt machen. Wie es von Richard Wagner erfunden wurde, ist es das Gegenteil: Man baut ein Haus auf dem Hügel und bringt die krassesten Leute zusammen und spielt die verrückteste Sinfonie. Danach reißt man das Haus ab und verbrennt die Partitur, wenn ich die Idee überspitzt beschreiben soll. Ein Musikfestival ist ein Ort für radikale Inhalte, für etwas Neues und Modellhaftes. Ein Festival ist mehr als die Summe der Konzerte, das ist ganz wichtig. Es ist ein Ausnahmezustand, den man in der Stadt spüren muss. Es ist ein starkes soziales Ereignis, es ist eine sozial-ästhetische Plattform. Künstlerisch passiert das Exzeptionelle, sozial passiert das gesteigerte Intensive. Das sind die wesentlichen Merkmale. 

In Branchendiskussionen und in der Kulturpolitik hört man einerseits vom Festivalsterben, aber auch, dass es immer mehr Festivalformate gebe. Wie ist Ihr Eindruck mit Blick auf die Festivallandschaft in Deutschland?

WALTER: Ich beobachte eine Festivalisierung der Konzertlandschaft. Im Vergleich zum einfachen Konzert kann ein Festival besser einlösen, wofür Livemusik definitionsgemäß steht. Im Bereich der Klassik wird das oft übersehen: Ein Musikfestival ist ein soziales Ereignis. Musik an sich ist immer verfügbar und eine einfache Ware geworden. Man braucht kein Konzert und kein Festival, um Musik zu hören. Der eigentliche Wert liegt in der Ereignishaftigkeit und des sozialen Mehrwerts, den man mit Musik erleben kann. Dieser Mehrwert ist beim Festival offenkundiger als im einzelnen Konzertabend. Im Bereich der Klassik hat man sich in einer puristischen Idee von Musikerlebnis versteckt. Festivals haben eine eingebaute Ausrede, die Musik mehr zum kulturellen und sozialen Ereignis werden zu lassen. Deshalb ist es erfolgsversprechend, Festivals zu veranstalten. Dabei hat ein Festival nichts Inhärentes, das es zu einem besseren Musikerlebnis macht. Es ist diese Verdichtung, die in unserer Erlebnisgesellschaft angesagt ist. 

Beethovenfest 2023  
Foto:  Daniel Dittus  /  Beethovenfest Bonn

Die Festivallandschaft ist vielfältig. Es gibt ein riesiges Spektrum unterschiedlicher Spielarten. Welche Trends sehen Sie im Klassikbereich? 

WALTER: Ich nehme einen Boom dieser „Landpartiefestivals“ wahr. Also Musikfestivals irgendwo im ländlichen Brandenburg, mit Zelten und allem Drum und Dran. Das gibt es interessanterweise auch in der klassischen Musik. Bei diesen fusionartigen Musikfestivals ergeben sich spannende Schnittstellen mit sozialen und kulturellen Ästhetiken, zum Beispiel beim Detect Classic Festival. Im Prinzip ein Klassikfestival, gegründet aus der jungen norddeutschen Philharmonie, ein Jugendorchester. Aber die Umsetzung überschreitet klassische Grenzen. Auf einem Hof irgendwo in Mecklenburg-Vorpommern gibt es dann veganes Essen, Kinder-Raves, die Besucher:innen zelten und abends gibt es elektronische Tanzmusik – und nachmittags werden Beethoven-Symphonien gespielt. Wie sich eine neue Generation ihre eigenen Festivalformate auf diese Post-Genre-Weise aneignet, finde ich spannend. Das Beethovenfest ist ein anderer Festivaltypus. Wir sind ein Klassikfestival mit langer Tradition und eng mit der Stadt Bonn verbunden. Das ist ein Pfund, ähnlich wie Mozart in Salzburg. Im Kontext der angesprochenen Festivalisierung würde ich auch die Festivals in Konzerthäusern ergänzen, die eher eine Aufladung des regulären Reihenprogramms ist. Außerdem gibt es die großen Flächenfestivals, zum Beispiel das sehr erfolgreiche Schleswig-Holstein Musikfestival.

Würden Sie mit Blick auf das Personal sagen, dass es einen Unterschied macht, ob ein Musikfestival eher im ländlichen oder städtischen Raum stattfindet? Oder ob es jünger oder älter ist? Wer arbeitet auf und für Musikfestivals?

WALTER: Das ist ganz unterschiedlich. Es gibt Festivals, die mit wenig Verantwortlichen funktionieren. Es gibt communitybasierte Teams mit flacher, netzwerkartiger Struktur und mit sehr viel Ehrenamt. Und es gibt große Institutionen als Festivalträger. Festivals sind ein saisonales Geschäft. Für große Musikfestivals benötigt man 15 bis 20 Mitarbeitende, also ganzjährige Planstellen. Hinzu kommt die saisonale Projektorganisation, die richtig explodiert. Beim Beethovenfest sind während des Festivals über 70 Menschen beteiligt. 

Vermutlich sind es sogar noch mehr Menschen, wenn man Dienstleister und weitere Organisationen einbezieht, mit denen man zusammenarbeitet.

WALTER: Ja, das ist ein interessantes Thema für ein Festival. Ein Festival ist eine Plattform, auf der alles Mögliche passieren kann. Man bewegt sich in diversen Netzwerken. Dazu zählen die Häuser, mit denen man kooperiert. In unserem Fall sind es über 30 Spielstätten. Hinzu kommen die Agenturen als wichtige Partner und natürlich das künstlerische Netzwerk. Ganz wichtig ist mir die Vernetzung mit der Stadtgesellschaft. Üblicherweise verorten sich viele Klassikfestivals immer noch in einem höheren Bildungssegment. Kulturpolitisch wächst das Interesse, sich in alle möglichen Richtungen zu öffnen. Wir adressieren zum Beispiel unsere Universität und Hochschulen, aber auch migrantische Communities. Ich glaube, dieses Geflecht an Beziehungen legitimiert ein Musikfestival unserer Größenordnung überhaupt. Ein Musikfestival braucht eine kommunale Anbindung.

Konzert Beethovenfest 2023
Beethovenfest 2023  
Foto:  Daniel Dittus  /  Beethovenfest Bonn
Konzert in der Redoute in Bad Godesberg beim Beethovenfest Bonn 2023
Konzert in der Redoute in Bad Godesberg beim Beethovenfest Bonn 2023  
Foto:  Michael Staab
Geigerin beim Beethovenfest Bonn 2023
Beethovenfest Bonn 2023  
Foto:  Sophia Hegewald  /  Beethovenfest Bonn

Welche Rolle spielt dabei das Ehrenamt?

WALTER: Ich habe in Esslingen ein Festival gegründet, wie ein Start-up, sehr studentisch, experimentell und communitybasiert. Da lief unglaublich viel über das Ehrenamt. Erst nach ein paar Jahren wurden einige aus dem Team und ich als Geschäftsführer bezahlt. Unser Netzwerk an Volunteers hatte eine tragende Rolle. Beim Beethovenfest ist es anders, aber dennoch wichtig und ausbaufähig. Wir erhalten öffentliche Mittel und sind eine große Institution, weshalb es nicht geboten ist, nach allzu viel ehrenamtlichem Engagement zu fragen. Aus meiner Sicht schließt es sich jedoch keineswegs aus. Es geht nicht darum, Menschen auszunutzen, sondern einen Mehrwert zu bieten. Wir haben das „Schülermanagement“. Bei diesem Format übernehmen Schüler:innen mit unserer Musikvermittlungsabteilung Verantwortung für bestimmte Konzerte und organisieren das Ganze von A bis Z. Das Thema Corporate Volunteering ist auch spannend. Das sind besondere Sponsorings, in deren Rahmen man mit Unternehmen Projekte entwickelt. Wir probieren gemeinsam mit der Deutschen Post und der Telekom aus, wie man das Festival als Plattform für Corporate Volunteer Programme nutzen kann. 

Das klingt nach einer Verschränkung mit vielen Möglichkeiten für alle Beteiligten.

WALTER: Absolut.

„Wir sind die Forschungs- und Entwicklungsabteilung der Klassikwelt.“
Autor
Steven Walter, Intendant Beethovenfest Bonn

Sie kuratieren seit Jahren Musikprogramme. Welche Faktoren sind Ihnen dabei wichtig? 

WALTER: Nummer eins ist Exklusivität, aber nicht auf eine fancy Bling-Bling-Weise, sondern in dem Sinne, dass das Programm etwas Besonderes ist. Diese Herausgehobenheit ist die eigentliche Währung eines Festivalprogramms. Manche interpretieren diese Exklusivität als „höher, schneller, weiter“ und suchen noch mehr Stars und noch mehr Prominenz. Diese Mechanismen funktionieren bestimmt und verhelfen einer Veranstaltung zu einer starken Aura. Aber man kann es auch ganz anders einlösen, zum Beispiel indem es Überraschungen gibt. Wir arbeiten mit unangekündigten Interventionen im Konzertkontext. Es gibt außergewöhnliche Angebote davor, danach oder dazwischen. Konzerte bieten zahlreiche Parameter, die wir gestalten können, um etwas Besonderes zu schaffen. Wir sind im Geschäft des Besonderen. Das ist herausfordernd, weil es gute Gründe für Standardisierungen gibt. Diese Extrameile zu gehen, ist aber Sinn und Zweck von Festivals. Wir sind die Forschungs- und Entwicklungsabteilung der Klassikwelt. Das ist in anderen Genres ähnlich. Man versucht unübliche Dinge und Kombinationen. Residenzen spielen eine wichtige Rolle. Wir versuchen, Künstler:innen und Ensembles längere Zeit vor Ort zu haben. Es ist wertvoll, Gastgeber zu sein. Das vergessen wir ständig, weil wir denken, es ginge nur um die Musik. Aber die Musik ist immer abhängig vom Vibe, von der Aura. Und dabei spielt unsere Haltung als Gastgeber eine Rolle.

Bezieht sich diese Haltung auf die Künstler:innen oder auf das Publikum?

WALTER: Auf beide. Künstler:innen erhalten auch eine Gage, aber natürlich spielt es eine Rolle, ob sie sich beim Festival wohlfühlen. Als Gastgeber können wir bei Pop-Festivals viel lernen. Mir scheint, dass man dort mehr über die gesamte User Experience nachdenkt. Safe Spaces, Rückzugsräume, Kulinarik oder Kinderbetreuung. Es geht nicht nur um den puren Musikgenuss. Musik ist nichts Absolutes. Musik hängt vom Drumherum ab. Die Exzellenz in der musikalischen Darbietung ist die Grundlage für uns, aber darüber hinaus geht es um Gastgeberschaft, um die Kontextualisierung des Besonderen.

Sie beschreiben das Beethovenfest als Klassikfestival in Abgrenzung zu Popfestivals. Welche Bedeutung haben Genres für Musikfestivals? 

WALTER: Das ist eine interessante Frage. Traditionell sehe ich eine große Relevanz, aber ich glaube, es ändert sich ziemlich radikal. Meine Arbeitsthese war schon immer, dass wir mit der sogenannten klassischen Musik in einem Postgenre unterwegs sind. Klassik ist kein kohärentes Genre. Von der Frührenaissance bis zu aktuellen Uraufführungen sprechen die Konzerte unterschiedliche musikalische Sprachen. Sich als Postgenre zu verorten, bietet die Möglichkeit, aus den Vollen zu schöpfen. Dann gibt es keine Genregrenzen mehr. All das hat auch viel mit der eigenen Sozialisierung zu tun: Generation Album oder Playlist? Ich kenne beides. Das Prinzip Shuffle einer Playlist verbindet Musik, die gar nicht zusammen gedacht war, aber nach einer dramaturgischen Logik doch zusammenpasst. Das ist ganz anders als das Denken in Werken, Alben oder Genreschubladen. Dort die Klassikecke, dort die Jazzecke, hier die Rockecke. Ich denke, dass jüngere Generationen sehr genrefluide sind. Es geht nicht um Genres, sondern um eine interessante Erzählung. Das löst einen anderen Kunstanspruch ein. 

Das Genre ist tot, lang leben die Genres?

WALTER: Naja, tot sind sie sicherlich nicht. Genres werden oft aus machttaktischen Gründen genutzt. Man kann sagen: Klassik und Beethoven sind förderungswürdig, das ist kulturelles Erbe und deswegen müssen wir als Gesellschaft jedes Jahr viel Geld in das Beethovenfest stecken. Wir profitieren davon, aber dieses Gewese um klassische Musik und um die Frage von Kunst, von U oder E hat historisch damit zu tun, dass man Förderansprüche unterlegen will. Das ist nicht fair. 

Beethovenfest Bonn 2023  
Foto:  Daniel Dittus  /  Beethovenfest Bonn

Eine gute Frage, die die Kulturpolitik in Zukunft beschäftigen wird. Was würden Sie – abseits von Genres und Förderungen – sagen: Welche Rolle spielt die Unterstützung junger Talente auf Musikfestivals? 

WALTER: Musikfestivals sind auch Schaufenster, in denen man einerseits neue Talente präsentiert und andererseits Talente sucht. Sie sind Orte, die Karrieren beschleunigen können, weil eine Sichtbarkeit für Musiker:innen hergestellt wird. Es gibt auch gezielte Programme oder Preise mit dem Ziel, Nachwuchs zu fördern und Talente zu entdecken. Insofern ist es ein großes Thema und ein sinnstiftender Aspekt von Festivals.

In Schaufenstern könnte man aber auch die schon bekannten Stars präsentieren?

WALTER: Das stimmt. Aber mit meinem Bild des Schaufensters meine ich eher einen Inkubator. Das kann ein Residenz- oder Fellowship-Programm sein. Es gibt verschiedenste Formate.

Sie haben das Soziale als wichtige Triebfeder für Musikfestivals beschrieben. Warum entscheiden sich Besucher:innen in der Fülle an Musikfestivals für ein bestimmtes Musikfestival, also beispielsweise für das Beethovenfest in Bonn? 

WALTER: Das ist eine sozial-ästhetische Entscheidung. Welche Milieus spricht ein Festival an?  Welche Codes verwendet es? Ganz subjektiv geht es um die Frage: Erlebe ich auf einem Festival die Musik, die meiner ästhetischen Welt entspricht? Ich bin selbst Musiker und ich bin verantwortlich für Musikprogramme, aber ich halte die Rolle der Musik selbst für ziemlich überbewertet. Der soziale Aspekt ist immens. Überbewertet ist auch falsch: Es sind vielmehr die Symbiosen, die wichtig sind. Musik ist sozial. Es gibt keine Musik, die nicht sozial ist. Und dafür stehen Festivals auf eine besondere Weise ein.

Sie haben die Milieus angesprochen. Bringen Musikfestivals eher verschiedene Menschen zusammen oder haben sie eher ein sehr homogenes Publikum? 

WALTER: Das ist eine spannende Frage. Normalerweise ist das Publikum vermutlich eher homogen. Unsere Gesellschaft und unsere Kulturlandschaft sind sehr ausdifferenziert. Deshalb entstehen Festivals für eine bestimmte Nische, für bestimmte Milieus. Für manche spielt vielleicht auch eine Lust nach sozialer Distinktion eine Rolle. Wer öffentlich gefördert wird, hat jedoch eine Verantwortung. Es wäre demokratisch zweifelhaft, nur für eine wohlhabende, gebildete Gruppe zu produzieren. Wir möchten uns dem Naturgesetz der Ausdifferenzierung entgegenstellen. Wir haben den Anspruch, unterschiedliche Menschen zu erreichen. Idealerweise sind wir anschlussfähig in unterschiedliche Richtungen. Das ist schwierig, aber das ist die Aufgabe.

Sie haben Ihre Verantwortung in einer Demokratie beschrieben. Würden Sie sagen, dass Musikfestivals auch politisch sind oder sein sollten?

WALTER: Ja, wir nehmen es uns explizit vor. Das ist sehr umstritten. Muss ein Klassikfestival politisch sein? Was bedeutet politisch überhaupt? Ich verstehe uns als gesellschaftspolitisch wirkendes Festival. Mit unseren inhaltlichen Schwerpunkten greifen wir als Festival konkrete politische und gesellschaftliche Themen auf. Wir haben beispielsweise Diversität oder Nachhaltigkeit als Themen verhandelt. Diese Schwerpunkte beziehen sich auf aktuelle Entwicklungen, was in der klassischen Musik nicht selbstverständlich ist. Viele Klassikfestivals nehmen vor allem eine erbpflegende Haltung ein. Uns beschäftigen viele Themen und wir möchten herausfinden, was die Musik dazu erzählen kann.

Sie haben die Nachhaltigkeit als Thema bereits angesprochen. In welchen Nachhaltigkeitsbereichen würden Sie sich mit Blick auf Musikfestivals die größten Veränderungen wünschen?

WALTER: Es gibt einige low-hanging fruits. Das Jet Set Tourneegeschäft wird nicht mehr funktionieren. Als Orchester durch die Weltgeschichte zu fliegen, heute hier, morgen London und übermorgen Tokio. Das funktioniert nicht mehr. Das Beethovenfest hat sich einem ambitionierten Monitoring unterworfen und eine Nachhaltigkeitsstrategie entwickelt. Daraus leiten sich zahlreiche Maßnahmen ab. Man kann bestimmte Reisekosten bezuschussen und andere nicht. Unser eigenes Monitoring und alle Studien zeigen, dass der größte Aspekt die Anreise des Publikums ist. Das können wir nicht direkt beeinflussen. Wir haben umfangreiche ÖPNV-Kooperationen und andere symbolische Aktionen wie Fahrradkonzerte. Uns ist die Nachhaltigkeitskommunikation ebenfalls wichtig.  Wir möchten mit künstlerischen, programmatischen Mitteln für Nachhaltigkeitsthemen sensibilisieren. Das ist ein schmaler Grat, weil es schnell eine künstlerisch fragwürdige Betroffenheitsthematisierung ergeben kann. Wir nehmen das Thema aber ernst. Wir haben beispielsweise den Fuhrpark mit unserem Mobilitätspartner elektrisiert. Wir kompensieren die Umweltkosten, die wir mit Druck- und Werbemitteln sowie Reisen verursachen. 

Das Beethovenfest erhält umfangreiche Fördermittel aus der öffentlichen Hand. Wie blicken Sie auf das Thema Kulturförderung in Zeiten, in denen Haushalte angespannt sind und Mittel gekürzt werden?

WALTER: Man kann sich immer aufregen, dass zu wenig Mittel zur Verfügung stehen oder sich mehr Menschen für das Programm interessieren würden, wenn man nur ein größeres Budget hätte. Ich gehe grundsätzlich nicht davon aus, dass sich irgendjemand für unser Programm interessiert. Es sollte unser Selbstverständnis sein, dass wir für unser Programm begeistern. Eine andere Haltung empfinde ich als problematisch. Unsere Aufgabe ist es, ein Publikum durch spannende Inhalte, durch überzeugende Formate zu gewinnen. Das gelingt uns glücklicherweise sehr gut, wir wachsen und sind insofern erfolgreich. Öffentliche Mittel werden leider auf allen Ebenen umkämpfter, in den Kommunen, auf Landes- und auf Bundesebene. Wir können uns nicht beschweren, aber ich merke schon, dass viele Strukturen und andere Projekte sehr fragil sind. 

Was würde Ihnen als Festivalmacher abseits finanzieller Unterstützung helfen?

WALTER: Eigentlich nur eine Sache: Wir sollten darüber reden, wie wir Erfolg definieren. Das geschieht meiner Meinung nach viel zu wenig. In der Kulturpolitik, in Gremien und Aufsichtsräten sollte man neue Wirkungsmodelle entwickeln. Also weg von Bullshitmetriken wie Auslastung. Das ist totaler Quatsch. Du kannst kleinere Säle bespielen und super ausgelastet sein, aber in absoluten Zahlen erreichst du weniger Menschen. Das Publikum ist wichtig und Kennzahlen können helfen. Ich würde mir mehr qualitative Kriterien wünschen. Wie viele Leben wurden verändert? Wie wirkt unsere Musikvermittlung auf Biografien und Karrieren? Die extreme Verengung auf Tickets ist kulturpolitisch weder schlau noch nachhaltig. Wir sollten darüber reden, wie wir langfristigen Erfolg messen möchten. 

Ein spannender Gedanke. Vielen Dank für das Gespräch.

WALTER: Prima. Vielen Dank. 

Das Interview wurde von Niklas Blömeke (Büro für Kulturstatistik) im Rahmen der Festivalstudie geführt und im Frühjahr 2025 für die Veröffentlichung aufbereitet. 

Steven Walter ist Kurator, Konzertgestalter und seit November 2021 Intendant der Beethovenfeste Bonn.
Steven Walter

Das könnte Sie auch interessieren