Frau Zagrosek, Sie haben schon für viele bekannte, prestigeträchtige Kulturinstitutionen gearbeitet. Was hat den Reiz des Klavier-Festival Ruhr für Sie ausgemacht?
ZAGROSEK: Das Programm beim Klavier-Festival Ruhr bildet seit Jahren eine große Bandbreite an hochinteressanten Pianist:innen unserer Zeit ab. Das ist für sich genommen ein starker Wert. Mich hat außerdem das Education-Programm gereizt. Seit inzwischen 17 Jahren entwickeln wir dieses Programm stetig weiter und bauen es in verschiedenen Stadtteilen im Ruhrgebiet aus. Inzwischen beschäftigen wir damit ein eigenständiges Team. Das ist eine Arbeit, die ich als sehr wertvoll erlebe. So ein Outreaching darf heute nicht mehr fehlen. Ich empfinde die Aktivitäten des Klavier-Festival Ruhr als sehr gut ausgearbeitet. Von dieser vorbildlichen inhaltlichen Arbeit mit Schulen und anderen Trägern bin ich ebenso begeistert wie auch von der spannenden Region Ruhrgebiet.
Wenn Sie an die deutsche oder auch internationale Festivallandschaft denken – gerne natürlich auch an das Klavier-Festival Ruhr: Was zeichnet ein gutes Musikfestival für Sie aus? Was sind besondere Qualitäten?
ZAGROSEK: Ein gutes Musikfestival ist eine Art Marke, die in der Region bekannt ist. Viele wissen von dem Festival, egal ob sie regelmäßig Karten kaufen oder nicht. Vom loyalen Stammkunden bis zu sporadischen Kartenkäufern - oder auch solchen, die das Festival nie besuchen, es aber sehr wohl kennen. Man vertraut dem Festival und weiß, dass man ein gutes Erlebnis zu erwarten hat, wenn man eine Karte kauft. Man geht mit dem Gefühl nach Hause: Gut, dass ich mir heute die Zeit für dieses Konzert genommen habe. Gut, dass ich da war. Festivals schaffen Orte der Begegnung, mit der Musik wie auch mit anderen Menschen. Man trifft nicht nur seinesgleichen, sondern auch Menschen, mit denen man sonst wenig Berührungspunkte hat. Das kann inspirierend und sehr gewinnbringend sein.
Interessante Beobachtung – Festivals als soziale und nicht nur kulturelle Orte. Das Klavier-Festival Ruhr blickt auf eine beachtliche, 30-jährige Geschichte zurück. Sie sind seit 2024 Intendantin. Wie hat sich die Festivallandschaft in den letzten Jahren verändert? Welche Herausforderungen haben sich für Sie ergeben? Künstlerischer oder organisatorischer Art?
ZAGROSEK: Nun, ich nehme wahr, dass auf der Seite des Publikums länger über die Frage nachgedacht wird, ob man eine Karte kaufen soll. Möchte ich mir den Abend wirklich freihalten? Soll ich da wirklich hingehen? Meiner Meinung nach steht und fällt die Entscheidung mit zwei Aspekten: Erstens ist es der Name der Musiker:innen. Wie bekannt, wie berühmt und wie renommiert sind sie? Zweitens ist die Bindung zum Festival entscheidend. Diese Beziehung spielt eine immense Rolle und fußt auf allen bisherigen Erfahrungen mit dem Festival. Die Festivallandschaft steht außerdem unter wirtschaftlichem Druck wie alle Gesellschaftsbereiche. Die Kosten sind enorm gestiegen: für Spielstätten, Energie, Personal, Honorare – das spiegelt sich überall wider. So etwas kann man nicht über die Förderungen und Sponsorings allein wettmachen. Die Marketingetats von Unternehmen steigen aktuell auch nicht gerade sprunghaft. Da ist kaum Spielraum. Also muss man umso mehr für hohe Akzeptanz und Zuspruch beim Publikum sorgen.
Ihr Musikfestival ist mit Blick auf die Finanzierung eine Besonderheit: Sie arbeiten ohne öffentliche Zuwendungen. Sie finanzieren Ihr gesamtes Festival über Sponsoren, Förderungen und Ticketverkäufe. Welche Vorteile und welche Herausforderungen bringt dies mit sich?
ZAGROSEK: Ich persönlich empfinde das als angenehme Herausforderung. So ein großes Festival alleine mit privatem Geld am Laufen zu halten, ist nicht einfach, aber ein sehr spannender Teil meiner Arbeit. Sponsoring ist bei uns keine schnöde Mittelakquise, sondern basiert auf vertrauensvollen Gesprächen und Beziehungen zu einem Menschen, einer Firma oder einem Konzern. Wir reden gemeinsam über Inhalte, über Spielstätten, über Musik, über Settings und über das große Warum. Warum machen wir das? Warum ist das wichtig? Was bringt dieses Projekt? Wenn man sich immer wieder als vertrauensvoller Partner erweist, bei dem das Sponsoring gut investiert ist, dann ist dieses Sponsorengeschäft nicht so volatil, wie man landläufig glaubt. Die jüngeren Entwicklungen im Bereich der öffentlichen Kulturfinanzierungen, beispielsweise in Berlin oder Köln, sind ja erschreckend. In Berlin wurde zuletzt besonders viel darüber gesprochen, dass sich die Kulturinstitutionen mehr als Unternehmen verstehen und auch private Mittel akquirieren sollten. Wir sind schon lange auf diesem Weg – schon seit der Gründung. Damals hat sich der „Initiativkreis Ruhr“ formiert. Ein Bündnis von Wirtschaftsunternehmen aus dem Ruhrgebiet, die dem Gründungsmythos zufolge früh erkannt haben, dass man nach dem Ende der Montanindustrie im Ruhrgebiet auch ein kulturelles Leitprojekt fördern möchte, rein privat finanziert. Damit verbunden ist ein gewisser Stolz, von dem ich auch 30 Jahre später noch etwas spüre.
Man könnte sagen, dass man damit die Idee von Ruhr 2010 vorweggenommen hat. Eine kulturelle Klammer um das Ruhrgebiet.
ZAGROSEK: Gewissermaßen schon. Natürlich hat sich in den letzten 30 Jahren ganz, ganz viel im Freizeitverhalten und in der Bewertung von Kultur verändert. Nicht selten führe ich Gespräche mit Unternehmen, die zwischen Kultur- oder Sportsponsoring abwägen. Verschenke ich Fußballtickets oder lade ich zum klassischen Konzert ein? Wenn man die 30- bis 55-Jährigen ansprechen möchte, nehmen viele lieber den Fußball. Kulturerlebnisse wie das klassische Konzert werden leider immer wieder als elitär und damit abgehoben wahrgenommen. Das liegt eventuell auch an der fehlenden musikalischen Bildung in den Schulen und der mangelnden . Wer mit dem Bild der elitären Kultur aufwächst, möchte sich nicht unbedingt in diesem Kontext zeigen. Das sind Problemstellungen, die es vor 30 Jahren so nicht gab. Es war stärker allgemein gültig, dass es eine schöne Sache ist, ein Konzert zu sponsern.
Sie haben durch Ihre bisherige Arbeit viele Musikinstitutionen kennengelernt. Inwiefern würden Sie sagen, dass die Trägerschaft des Klavier-Festival einen Einfluss auf Ihre Arbeit hat?
ZAGROSEK: Ich empfinde meine Arbeit als sehr viel freier. Wir sind in einer GmbH und einer Stiftung organisiert und können sehr frei über unsere Mittel verfügen. Wenn wir uns einen neuen grafischen Auftritt wünschen, dann müssen wir nicht drei Ausschreibungen durchführen, Angebote einholen und abstimmen. Wir holen auch Angebote ein, aber wir müssen uns nur vor den Wirtschaftsprüfern rechtfertigen. Vieles können wir so „einfach machen“, ohne Umwege gehen zu müssen. Ich schätze diese kurzen Entscheidungs- und Umsetzungswege.
Verwendungsnachweise und die Angemessenheit einer Taxiquittung. Diese hohen Freiheitsgrade sind ein Vorteil Ihrer Trägerstruktur. Spielt das Ehrenamt eigentlich eine Rolle bei Ihrem Musikfestival?
ZAGROSEK: Ja, durchaus. Die Gremien, die uns beaufsichtigen, sind rein ehrenamtlich tätig. Das sind hervorragend besetzte Gremien mit Manager:innen aus der Region, die mich unheimlich gut unterstützen – besonders in der Situation des Wandels und des Neuanfangs. Unser Freundeskreis wird ebenfalls von drei Vorständen ehrenamtlich organisiert.
Das Klavier-Festival Ruhr steht für künstlerische Exzellenz und ein breites Repertoire. Nach welchen Kriterien planen Sie das Programm? Welche Aspekte – von Repertoirewahl bis Künstler:innenauswahl – sind Ihnen besonders wichtig? Wie gehen Sie da vor?
ZAGROSEK: Mir ist eine gewisse Vielfalt wichtig, ein gutes Gleichgewicht aus diversen Elementen. Ganz wichtig: jüngere Pianist:innen. Vielversprechende Musiker:innen, von denen man sich sicher sein kann, dass sie in den nächsten Jahrzehnten das Musikleben mitgestalten werden. Diesen Künstler:innen am Beginn ihres beruflichen Weges möchten wir ein passendes Podium bieten. Die Orte müssen auch zur Musik und zu den Musiker:innen passen. Außerdem Klavier und Elektronik: Welche neuen Musikstile entwickeln sich, woran forschen die Künstler:innen? Welche Wege, das Konzert anders zu denken, finden wir? Um die Bandbreite des Klaviers zu zeigen, spielt auch Jazz eine wichtige Rolle. Und dann ist mir das gute alte Rezital sehr wichtig. Ein Saal mit möglichst 2000 Menschen, abgedunkelt, in der Stille sitzend, gebannt von Interpretationen von Bach bis heute. Das habe ich bei meinem ersten Klavier-Festival Ruhr erlebt. Dass dieses Erlebnis nach wie vor breiten Anklang findet, hat mich tief beeindruckt. Auf der Bühne passiert nichts, außer dass da jemand an einem schwarzen Ungetüm sitzt und spielt – mehr „passiert“ nicht. Trotzdem fasziniert es immer wieder von Neuem.
Das Klavier steht im Mittelpunkt des Festivals – was bedeutet das konkret für Sie? Und was glauben Sie: Welche Relevanz haben Musikfestivals allgemein, die eine bestimmte Sparte bedienen? Wie sehen Sie die Relevanz eines reinen Klavierfestivals in der heutigen Musiklandschaft?
ZAGROSEK: Ich glaube, ein großes Festival alleine einem Instrument zu widmen - das geht fast nur mit dem Klavier. Was die klassische Kunstmusik angeht, hat das Klavier in so vielen Gattungen großartige Werke hervorgebracht. Ob Klaviersonate, Trio, Quartett oder Quintett, große Klavierkonzerte oder auch zeitgenössischere Musik von Georg Friedrich Haas – etwa Stücke für mehrere Klaviere, die im Viertelton voneinander gestimmt sind und gemeinsam einen riesigen Klangraum aufmachen, nur als Beispiel. Und eben auch im Jazz. Ein Jazztrio geht doch oft vom Klavier als Hauptinstrument aus. Das Klavier ist ein sehr vielseitiges Instrument.
Das eine ist das Instrument – welche Relevanz haben Genres? Sparten? Gattungen? Welche Bedeutung haben diese Begriffe für Sie in Ihrer Arbeit?
ZAGROSEK: Das Klavier, der große, glänzende schwarze Flügel. Dieses Instrument ist in den Köpfen mit der abendländischen Kunstmusik assoziiert. Dies aufzubrechen, ist noch ein Stück harte Kommunikationsarbeit, die ich aber in Angriff nehme. Das Instrument hat eben auch hohe Relevanz für den Jazz oder andere musikalische Genres. Es ist schon mein Ziel, möglichst viele verschiedene Spielformen entlang des Klaviers zu zeigen. Als ein Thema, das gleichzeitig weit genüg geöffnet ist.
Ein Thema als Fixpunkt?
ZAGROSEK: Grundsätzlich lässt das Format Festival in vielerlei Hinsicht schöne Freiheiten. Worüber ich zum Beispiel immer wieder glücklich bin, ist die Freiheit bei der Wahl der Spielstätten. Ich kann für jede Musik oder für jeden Bekanntheitsgrad eines Pianisten die richtige Spielstätte finden. Für Lang Lang ist es die Essener Philharmonie. Für Nachwuchspianisten ist es ein Raum in der Zeche Zollern mit 200 Plätzen. Für Klavier und Elektronik habe ich eine Kirche in Gelsenkirchen ausgesucht, an einem Ort, bei dem ich das Gefühl habe, da entsteht gerade ein kreativer Aufbruch und da passen wir mit dieser Spielart gut rein. Es ist schön, wenn man als Festival aus einem Füllhorn von Spielstätten schöpfen kann, das ist im Ruhrgebiet besonders reichhaltig.
Kommt dabei die Musik oder der Ort zuerst?
ZAGROSEK: Es gibt beides. Natürlich möchten wir in bestimmten Räumen vorkommen - so in der Essener Philharmonie, im Dortmunder Konzerthaus, im wunderbaren Anneliese Brost Musikforum Ruhr in Bochum. Manche Spielorte hängen auch mit Sponsoren und Förderern zusammen. Um an Relevanz nicht zu verlieren, muss ein Festival in bestimmten großen Häusern vorkommen. Und dann gibt es die Fälle, in denen wir beispielsweise auf die Idee kommen, dass wir brasilianische Jazzpianist:innen beleuchten möchten. Dann geht es darum, welcher Raum dafür geeignet wäre. Oder Klavier und Elektronik: Wir haben festgestellt, dass alle Künstler:innen hierfür eine eigene Lichtshow mitgebracht haben, was uns auf das Thema Licht brachte. Und da gibt es im Ruhrgebiet einen spannenden Ort: das Internationale Lichtmuseum in Unna. Das passt richtig gut. Es gibt also verschiedene Ansätze und Impulse bei der Programmentwicklung.
Eine interessante Wechselwirkung. Sie leiten ein Festival mit internationalem Ruf. Wo verorten Sie sich mit Ihrem Festival im internationalen Vergleich? Europaweit? Weltweit?
ZAGROSEK: Was das Pianistische angeht, schaue ich zum Verbier Festival oder zum Festival de La Roque-d'Anthéron in der Provence. Zwei sehr unterschiedliche Festivals, aber beide haben einen ausgeprägten Klavierschwerpunkt. La Roque-d’Anthéron ist ausschließlich dem Klavier gewidmet. Das Festival in Verbier ist interessant mit Blick auf das Sponsoring und die Vermarktung. Dann gibt es das Lucerne Festival. Mit diesem Festival haben wir Schnittmengen, was die Künstler:innen angeht, und mit Blick auf die private Finanzierung. Insofern ist der große Michael Haefliger jemand, dessen Arbeit in Luzern ich von Anfang an beobachtet und vielleicht auch bewundert habe Er hat dort viele Meilensteine gesetzt – die Zusammenarbeit mit Claudio Abbado, Pierre Boulez, Wolfgang Rihm, die Gründung eines festivaleigenen Orchesters, später einer Academy, der klare Fokus auf zeitgenössischer Musik . Er hat gezeigt – und das tun wir beim Klavier-Festival Ruhe ebenfalls – dass die Bindung an Sponsoren nicht bedeuten muss, dass das Programm alleine auf Erfolg getrimmt sein muss. Damit hat das Lucerne Festival großen Vorbildcharakter.
Wie würden Sie Ihre Beziehungen zu anderen Festivals und Ihren Leitungen beschreiben? Ist das ein aktiver, routinierter Austausch oder eher inkognito? Wie kann man sich das vorstellen?
ZAGROSEK: Teils, teils. Manchmal gehe ich mit konkreten Fragen auf die Personen zu und suche den Austausch. Ein kleiner Traum von mir wäre, dass wir irgendwann Personal austauschen. Beispielsweise könnten Teile unseres Teams für vier Wochen bei einem anderen Festival hospitieren und andersherum könnten wir auch deren Mitarbeitende aufnehmen. Das kann sehr interessant sein, gerade für kleine Büros. Die Arbeitsweisen, die Prozesse, der Kommunikationsfluss untereinander. Da kann man viel voneinander lernen.
Kommen wir auf den Nachwuchs zu sprechen. Sie haben das Education Programm erwähnt und betont, dass Sie außerdem ein Podium für junge Talente schaffen. Ein bisschen zugespitzt gefragt: Warum engagiert sich eigentlich ein privat finanziertes Festival in so einem Bereich, also der Bildung?
ZAGROSEK: Zugespitzt geantwortet: Weil mein Vorgänger um das Potenzial von Musik wusste. Er spürte, dass es bei der Musikrezeption um mehr als schöne Musik und einen schön verbrachten Abend geht. Musik fördert die frühkindliche Entwicklung – sie stärkt Sprachfähigkeit und Vorstellungskraft und soziale Interaktion. Deswegen ist es richtig und notwendig, dass sich ein Musikfestival in dem Bereich engagiert und seine Kraft auch auf diesem Gebiet entfaltet. Ob privat finanziert oder nicht, das ist gar nicht die Frage, sondern die Frage ist auch hier die nach dem Warum.
Wie blicken Sie auf das Verhältnis von Spitzenförderung und Breitenförderung? In Ihrem Programmzusammenhang, aber auch allgemein?
ZAGROSEK: Das sind zwei eigene Bereiche. Im professionellen Bereich geht es vor allem darum, dass die Musiker:innen in der Regel noch sehr jung sind und noch wenig Bühnenerfahrung gemacht haben. Aber diese Musiker:innen spielen ohnehin schon auf einem hohen Niveau. Die Education-Arbeit dagegen spielt sich nicht vor den Augen der Öffentlichkeit ab, sondern trägt sich in den Klassenräumen zu. In ganz kleinen Schritten, Tag für Tag, Woche für Woche gehen unsere tanz- oder musikpädagogischen Kräfte in die Schulen und arbeiten in Tandems, also gemeinsam mit den dort tätigen Lehrkräften. Das ist eine vollständig in das Curriculum integrierte Tätigkeit. Wir merken, dass es einen hohen Nutzen für diese Art der Persönlichkeitsförderung gibt, auch in den Kindergärten. Mit Musik, mit dieser Sprache des Unsagbaren, erreichen wir Regionen, die wir mit Sprache nicht erreichen.
„Beim Klavier-Festival Ruhr entdeckt man seine Region ganz neu.“
Ein spannender Gedanke. Sie bespielen im Rahmen Ihres Festivals zahlreiche Konzertsäle. Konzertsäle, in denen man das ganze Jahr auch andere Veranstaltungen sehen kann. Warum hat Ihr Festival für Ihr Publikum einen besonderen Reiz? Warum gehen Menschen zu Ihren Veranstaltungen, die ja durchaus sehr gut verkauft sind?
ZAGROSEK: Ich denke, das ist die Faszination fürs Klavier, die über die fantastischen Konzerte der letzten Jahre entwickelt wurde. Ich glaube auch, dass man sich durchaus mit dem Gesicht des Festivals identifiziert. Ich habe meinen Vorgänger noch ein bisschen erlebt. Er ist jeden Abend auf die Bühne gegangen und hat eine Begrüßung gesprochen. Fast 28 Jahre, so etwas stiftet Identifikation und weckt Sympathien. Außerdem bringen wir am Ende der Konzertsaison nochmal einen schönen, satten Klavierschwerpunkt. Ich glaube auch, dass einige der in den Häusern verantwortlichen Veranstalter:innen genau das schätzen. Wir bieten ein gutes Gleichgewicht und stören nicht im sonstigen Saisongeschäft. Wir füllen am Ende der Spielzeit noch einmal die Säle – und sorgen für Wahrnehmung, nicht zuletzt auch für Mieterlöse. Gemeinsam schaffen wir etwas für alle in der Region. Für das hier lebende Publikum, die Häuser, für unsere Partner:innen und für uns selbst. Das ist eine tolle Sache.
Eine klassische Win-Win-Situation.
ZAGROSEK: Absolut. Ich habe viele Gespräche mit Besucher:innen geführt. Jemand aus Düsseldorf sagte mir, wie toll es sei, dass er neben der Musik über das Festival auch einen neuen Ort entdeckt habe. Beim Klavier-Festival Ruhr entdecke man seine Region ganz neu. Denn selbst wenn die Entfernungen geografisch nicht riesig sind, so sind sie es doch mental, man neigt dazu, die immer gleichen Häuser zu besuchen. Das Klavier-Festival Ruhr ist so gesehen auch ein Instrument, um seine Region immer wieder neu zu entdecken.
Sie leben selbst mitten im Ruhrgebiet. Ist dieses Ballungszentrum deckungsgleich mit dem Einzugsgebiet Ihres Festivals? Wissen Sie, von wo Ihre Besucher:innen anreisen?
ZAGROSEK: Ich verstehe das Klavierfestival Ruhr als ein Festival mit internationaler Ausstrahlung, das für ein lokales Publikum produziert. Der Begriff „lokal“ ist dabei weit gefasst: Unsere Veranstaltungen verteilen sich inzwischen sehr weitläufig. Wir sind in Düsseldorf und in Wuppertal genauso zu Hause wie in Bottrop oder Oberhausen. Am östlichen Rand erstreckt sich das Festival bis nach Rheda-Wiedenbrück und im Westen bis nach Duisburg oder Moers. Unser Publikum reist aus dem weiteren Umland an. Aus Aachen, aus Münster. Für Programmhighlights kommen Gäste aus ganz Europa. Ich verstehe uns als ein Musikfestival für die Rhein-Ruhr-Region und gleichzeitig mit einer internationalen Wahrnehmung. Unsere Veranstaltungen werden überdies ja auch audiovisuell begleitet – von Arte zum Beispiel, wo wir eine eigene Klavierfestival-Ruhr-Rubrik haben.
Interessant, wie Sie das Internationale und das Lokale zusammendenken. Danke für das Gespräch.
ZAGROSEK: Das war ein sehr angenehmes Gespräch, vielen Dank.
Das Interview wurde im Rahmen der Festivalstudie am 25. Februar 2025 von Niklas Blömeke (Büro für Kulturstatistik) geführt.














