Obere Absätze
Musikalische Früherziehung der Musikschule Wedemark
Musikalische Früherziehung der Musikschule Wedemark  
Photo:  Werner Musterer  /  VdM

Das Singen im Rahmen von Musikalischer Früherziehung hat viele positive Effekte: Es fördert soziales Miteinander, Motorik, emotionale sowie sprachliche Kompetenz und manches mehr. Der größte Wert aber ist die Erfahrung mit der Musik selbst. Aufgrund zu weniger Angebote kann aber längst nicht jedes Kita-Kind diese Erfahrung machen.

Musik ist etwas, das dem Menschen von Anfang an mitgegeben wurde. Dieser Satz lässt sich einerseits auf den (bislang nachweisbaren) Beginn der menschlichen Kultur beziehen, die vor gut 35.000 Jahren die ersten aus Vogel- und Bärenknochen geschnitzten Flöten hervorbrachte. Ebenso passt er auch auf das einzelne Individuum Mensch, das schon vor seiner Geburt musikalisches Empfinden entwickelt und früh beginnt, nicht nur auf Musik zu reagieren, sondern auch die eigene Stimme als Instrument einzusetzen. „Musik ist ein Urbedürfnis des Menschen“, konkretisiert Michael Dartsch, „und wenn ich Kindern im Vorschulalter und noch davor die Möglichkeit gebe, sich musikalisch auszudrücken, helfe ich ihnen damit, dieses natürliche Bedürfnis zu befriedigen.“ Kaum ein anderer Forscher in Deutschland hat sich so intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt wie Dartsch, der seit 1996 als Professor an der Hochschule für Musik Saar in Saarbrücken lehrt und sich auf Elementare Musikpädagogik spezialisiert hat.  

„In der Elementaren Musikpädagogik spielt der Begriff Musikalische Früherziehung eine wichtige Rolle; im Musikschulkontext umschreibt er ein zweijähriges Kursangebot für Kinder im Alter zwischen drei und sechs Jahren“, erklärt Professor Dartsch. Wie aber können Kinder, die keine Gelegenheit haben, solche Kurse wahrzunehmen – oder nicht ohnehin das Glück haben, im eigenen Elternhaus zum Singen und Musizieren angeleitet zu werden – ihre ersten pädagogisch betreuten Schlüsselerfahrungen mit Musik machen? Idealerweise bieten Kindertagesstätten die Antwort. Während schon in den ersten Kindergärten Mitte des 19. Jahrhunderts dem Singen eine wichtige Rolle eingeräumt wurde, entstanden fest umrissene pädagogische Konzepte in diesem Bereich allerdings erst Anfang des 20. Jahrhunderts. Besonders bekannt sind noch heute die hauptsächlich mit Schlagspielen operierende Methode von Carl Orff oder die Disziplin „Rhythmik“, bei der neben das Singen und Musizieren als ebenso wichtiges Element die Bewegung hinzutritt.

Die Ursprünge der Musikalischen Früherziehung in ihrer heutigen Gestalt wurzeln in den frühen 1970er-Jahren. Entwickelt wurden sie vom Verband deutscher Musikschulen (VdM), dem Fach- und Trägerverband der öffentlichen gemeinnützigen Musikschulen in Deutschland, der sich dabei von pädagogischen Ansätzen der in den 1960er-Jahren auch in der Bundesrepublik boomenden Yamaha-Musikschulen inspirieren ließ. „Am Anfang war die musikalische Früherziehung noch sehr von der lerntheoretischen Welle dieser Zeit geprägt“, sagt Michael Dartsch. „Der Ansatz war ein eher propädeutischer und richtete sich nicht zuletzt auf das spätere Erlernen eines Musikinstruments. Notenlesen und Theorie standen dabei im Vordergrund.“ Die Ziele und damit auch die Sicht auf den Unterricht haben sich im Laufe der Zeit stark gewandelt. „Heute sehen wir es so: Der frühkindliche Musikunterricht hat für das Kind auch dann einen Sinn, wenn es später kein Instrument lernt. Das Hauptanliegen besteht schlicht darin, dass Kinder Einblicke in die Welt der Musik bekommen“, sagt Michael Dartsch – und kommt damit auf sein Eingangsstatement zurück, nachdem die Musik ein Urbedürfnis des Menschen ist.

Musikalische Früherziehung  
Photo:  privat

„Interessanterweise käme niemand auf die Idee, beim Mathematikunterricht zu fragen, wofür er noch gut sei, außer zum Erlernen von mathematischen Fähigkeiten“, sagt Michael Dartsch, „wenn es um Musikunterricht geht, kommt diese Frage aber fast schon reflexhaft auf.“ Freilich kann hier die musikalische Früherziehung mit ihren positiven Einflüssen auf kognitive, emotionale und sprachliche Entwicklung punkten – vor allem dann, wenn es um das Singen geht. „Besonders Kindern, die nicht mit Deutsch als Muttersprache aufwachsen, bieten Lieder mit wiederkehrenden Refrains und thematischer Beschränkung die Möglichkeit, sich die Sprache effektiv anzueignen – auch die Aussprache. Über das Singen lernen Kinder zudem, den emotionalen Gehalt von Sprache besser einzuschätzen.“ Bei all den positiven Nebeneffekten, zu denen auch die Entwicklung sozialer Kompetenzen gehört, sehen Michael Dartsch und seine Kolleg:innen das Hauptziel der musikalischen Früherziehung dennoch in der persönlichen Entfaltung des Kindes: „Die Erfahrung von Musik ist ein Wert an sich. Kinder sollen erleben dürfen, wie schön und bereichernd sie sein kann.“ Gerade in einem Alter, in dem das sprachliche Vermögen oft nicht ausreicht, Emotionen in Worte zu fassen, kann Musik als wichtiges Ausdrucksmedium bei der Regulierung innerer Vorgänge helfen. Mit anderen Worten: Sie dient der seelischen Balance.

Welche Inhaltsschwerpunkte die Musikalische Früherziehung bestimmen, richtet sich nach dem 2010 verabschiedeten Bildungsplan des VdM. „Singen, Bewegung, Instrumentalspiel und das Hören von Musik müssen darin vorkommen“, fasst Michael Dartsch die wesentlichen Punkte zusammen. „Bei der Umsetzung dieser verbindlichen Punkte gibt es aber immer auch eigene Ansätze. Darunter fallen stärker singorientierte Zugänge, es gibt aber auch pädagogische Fachkräfte, die sich mehr an der Rhythmik oder an Orff orientieren. Wichtig ist, dass die Kinder selbst die Bedeutung von Musik spüren, dass sie sich in ihr ausdrücken können und eine möglichst vielfältige Einführung in diese Welt erhalten.“ Mit diesem Hauptziel und den genannten inhaltlichen Schwerpunkten hat das Fach Musikalische Früherziehung nicht nur an deutschen Musikschulen, sondern seit seinem Bestehen immer mehr auch in Kindertagesstätten Einzug gehalten – zumindest an solchen, die mit einer Musikschule und den dort angestellten Lehrpersonen zusammenarbeiten. Das ist aber längst kein flächendeckendes Phänomen.

„Während wir so gut wie an jeder Musikschule ein Angebot für Musikalische Früherziehung haben, gibt es entsprechende Kooperationen nur an jeder zwölften der derzeit 59.300 bundesweiten Tageseinrichtungen für Kinder“, sagt Michael Dartsch. Dass das Thema „Musik“ ansonsten keine Rolle in deutschen Kitas spielen würde, wäre zwar eine sehr pauschale und mit Mitteln der Statistik kaum nachweisbare Aussage. Die allgemeinen Defizite an Einrichtungen ohne Angebote im Bereich Musikalische Früherziehung sind jedoch offensichtlich. Zwar gibt es in der Fachschulausbildung ein eigenes Unterrichtsfach, in dem Kita-Kräfte lernen sollen, musikpädagogisch mit den Kindern zu arbeiten, etwa gemeinsam Lieder zu singen, musikalische Bewegungsspiele einzustudieren oder auch durch gemeinsames Hören Musik zum Bestandteilt des Kita-Alltags zu machen. Jedoch: „Bei einer Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung gaben mehr als 60 Prozent der befragten Erziehungskräfte an, dass sie sich für diese Aufgabe nicht ausreichend ausgebildet sähen“, sagt Michael Dartsch, der das kaum verwunderlich findet. Viele Erzieher:innen haben selbst nie in ihrem Leben gesungen oder ein Instrument gespielt, und was ihnen als Grundlage fehlt, lässt sich in einer mehr als überschaubaren Fachausbildungseinheit nicht so ohne Weiteres nachholen. 

Gerade vor diesem Hintergrund halten Michael Dartsch und seine Kollegi:innen den Ausbau der Kooperationen zwischen Kindertagesstätten und Musikschulen für unerlässlich. Erfreulicherweise gibt es heute so gut wie an jeder Musikhochschule Studiengänge für Elementare Musikpädagogik, die Kenntnisse in Musikalischer Früherziehung vermitteln. Doch auch hier gibt es ein Problem: „Leider haben wir immer noch nicht genügend junge Menschen, die sich für dieses Studium interessieren“, sagt Michael Dartsch, der umso leidenschaftlicher dafür wirbt, als er sich – selbst professionell ausgebildeter Geiger – an seine eigenen Unterrichtserfahrungen während des Studiums zurückerinnert. „Viele Studierende haben vor allem die künstlerische Karriere vor Augen, wenn sie an die Hochschule kommen.“ Wäre es aber nicht ein mindestens ebenso wertvoller Beitrag für die Kunst – und ein ebenso befriedigendes Gefühl –, durch pädagogische Arbeit den jüngsten Mitgliedern der Gesellschaft einen Zugang zu einer Welt zu ermöglichen, die man selbst schon in früher Kindheit entdecken durfte? 

Über den Autor

Stephan Schwarz-Peters arbeitet als freischaffender Journalist und Redakteur u. a. für das Tonhalle Magazin, die Philharmonie Köln sowie die Magazine Rondo und Oper!

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