Obere Absätze
Szenenbild aus dem Musical „Mozart“ am Münchner Prinzregententheater
Musical „Mozart“ am Münchner Prinzregententheater mit Studierenden der Bayerischen Theaterakademie August Everding  
Foto:  Lioba Schöneck

Für viele junge Sänger:innen ist der Durchbruch auf der Musicalbühne ein großes Ziel. Eine umfassende Ausbildung bietet die Bayerische Theaterakademie August Everding in München. Marianne Larsen, Leiterin des Studiengangs Musical, weiß, worauf es dabei ankommt.

Es gibt wohl kaum eine dramatische Disziplin, die es an Vielseitigkeit mit dem Musical aufnehmen könnte. Da gibt es das klassische, Opern- und Operetten-inspirierte Musical à la „My Fair Lady“ oder „West Side Story“, Pop-/Rock-Musicals wie „Jesus Christ Superstar“, das so genannte Jukebox-Musical, das wie ein mit Handlung garniertes Best-of-Album einer bestimmten Band oder bestimmter Künstler:innen funktioniert („Mamma mia“) oder das im Big-Band-Sound vor sich hin swingende Jazz-Musical der Marke „Chicago“ oder „Cabaret“; manche Musicals, wie „König der Löwen“ oder „Les Misérables“, erzählen eine klassische, klar geordneten Story von Anfang bis Ende, manche funktionieren eher wie eine Revue oder sind nach einem experimentellen Konzept aufgebaut; und dann gibt es noch die Mega-Musicals, die en Suite und oft für viele Jahre an einer besonderen Bühne mit aufwändiger Ausstattung, vielen Spezialeffekten und einem starken visuellen Fokus vor vielen Tausend Zuschauenden gespielt werden – Produktionen wie „Starlight Express“ oder „Phantom of the Opera“ lassen in dieser Gruppe grüßen.

Auch wenn es hier keine vergleichbaren Zentren wie den Broadway in New York oder das Londoner West End gibt, sind Musicals ein äußerst beliebtes Genre in Deutschland. 13 reine Musical-Bühnen listet das Deutsche Musikinformationszentrum auf. Auch an den 83 öffentlich geförderten Musiktheatern der Bundesrepublik stehen Musicals regelmäßig auf dem Programm. Doch nicht nur das Publikum, auch junge Sänger:innen zieht es mit Macht zu dieser aus Oper und Operette, aber auch anderen Bühnenformen wie Vaudeville und den amerikanischen Variety Shows entstandenen Kunstform. Eine, die es wissen muss, ist Prof. Marianne Larsen, die den Studiengang Musical an der Bayerischen Theaterakademie August Everding in München leitet und in seinem Rahmen selbst Gesang unterrichtet. „Musicalschulen sind derzeit sehr beliebt“, sagt die Expertin, die als ehemaliges Ensemble-Mitglied des Münchner Gärtnerplatz-Theaters und auch an anderen Orten in vielen klassischen Musical-Rollen auf der Bühne stand. 

In München, berichtet Marianne Larsen, sind es im Schnitt 100 bis 130 junge Leute, die sich für das sechssemestrige Bachelor-Studium bewerben, an das sich ein Master-Studiengang mit vier Semestern Regelstudienzeit anschließt. „Letztendlich nehmen wir davon sechs bis acht als Studierende bei uns auf.“ Um den späteren beruflichen Anforderungen gerecht zu werden, müssen die Bewerber:innen schon vorab einige wesentliche Fähigkeiten und Eigenschaften mitbringen. Tanzen zum Beispiel. „Man braucht definitiv eine Begabung dafür“, sagt Larsen, „und ideal wäre es, wenn man zuvor schon mehrere Jahre getanzt hat. Das ist sicher keine Selbstverständlichkeit bei Menschen zwischen 18 und 22 Jahren, doch ansonsten dürfte es schwierig sein, seinen Körper während der Studienzeit so weit aufzubauen, dass man den Anforderungen des Marktes hinterher gewachsen ist.“ Kleiner Tipp am Rande also: Wer sich für ein Musical-Studium interessiert, sollte für die Aufnahmeprüfung vorab lieber das Tanzbein schwingen als Opernarien einzustudieren. Denn was den Gesang angeht, kommt es für Marianne Larsen neben den technischen und musikalischen Grundvoraussetzungen vor allem auf eines an: „Nämlich darauf, dass die Stimme gesund ist.“

Unterricht an der Bayerischen Theaterakademie August Everding in München  
Foto:  Cordula Treml

Eine allzu frühe Stimmausbildung sieht die Studiengangsleiterin skeptisch. „Im Grunde genommen ist der Stimmapparat erst mit 16 Jahren ‚ready to go‘. Wenn die Stimme vorher verbildet wurde und sich – wie es häufig in Knabenchören der Fall ist, die anspruchsvolle Werke in hoher Lage singen – nicht in einer moderaten Tessitura bewegt hat, wird es hinterher schwierig. Für den Operngesang mag das kein großes Problem sein, aber im Musical schon.“ 

Oper und Musical – das geht aus dieser Aussage hervor – scheinen trotz manch gefühlter Übereinstimmung gesanglich unterschiedliche Welten zu sein. Die meisten, die sich für ein Musical-Studium bewerben, haben ihre Wurzeln aber ohnehin in Pop oder Jazz, haben in Bands gesungen und dabei gleichzeitig ihre ersten Bühnenerfahrungen gesammelt. Was die Oper grundsätzlich vom Musical unterscheidet? „Im klassischen Gesang wird man früh in ein Fach eingeordnet – lyrischer Sopran, Bass-Buffo usw.“, erläutert Marianne Larsen. „Hier muss die Stimme eine vergleichsweise limitierte Range erfüllen; das ist gesund und absolut dienlich für die musikalische Präzision. Im Musical aber müssen wir von Rodgers & Hammerstein bis ‚We Will Rock You‘ alles abdecken, und das muss man können. Hier liegen die Grenzen allein in den physischen Möglichkeiten der Sänger:innen.“ Freilich gebe es auch bei Musical-Darsteller:innen unterschiedliche Vorlieben, etwa im Pop-, Broadway- oder Contemporary-Bereich. „Nur hat es keinen Sinn, sich zu spezialisieren“, sagt Larsen, „denn dann bekommt man hinterher nicht genug Arbeit.“ Gegen das Wort „Kernkompetenzen“ hat sie allerdings nichts einzuwenden.

„Das Genre Musical erfindet sich praktisch jeden Tag neu."
Autor
Marianne Larsen

Auch wenn die meisten Studiengangbewerber:innen ihre Aufnahmeprüfung mit Pop bestreiten, spielt diese meist sehr individuelle und persönlich gestaltete Art des Singens am Anfang der Ausbildung keine Rolle. „In den ersten neun Monaten unterrichten wir nur die klassische Technik, denn sie ist eine ausgleichende Technik und arbeitet mit leichter geführtem Kehlkopf.“ Viele der angehenden Musicalkräfte könnten ihren Schildknorpel gar nicht einsetzen, „und das lernen sie dann bei uns.“ Nach den ersten neun Monaten folgen leichtere Studien im Contemporary-Repertoire, um die Stimme zu justieren. Im dritten Jahr fangen die Studierenden dann an, mindestens drei große Stilistiken zu bedienen. Die sorgfältig aufgebaute Ausbildung soll einen verantwortungsvollen Umgang mit dem vokalen Material, vor allem aber auch Flexibilität garantieren. Denn allzu starre Festlegungen sind im Musical aus vielerlei Gründen nicht ratsam. „Dieses Genre erfindet sich praktisch jeden Tag neu. In der Oper weiß man einfach, wie eine Zerbinetta klingen muss, und das wird sich auch bestimmt nie ändern. Im Musical aber kann es sein, dass die Macher für bestimmte Rollen, die früher im klassischen Disney-Sound gesungen wurden, auf einmal Stimmen mit deutlich mehr Power haben wollen.“

Eine besondere Lehrmethode des Musical-Gesangs bietet das von der amerikanischen Sängerin Jo Estill entwickelte Estill Voice Training (ETV), das neben anderen Ansätzen auch im Studiengang der Bayerischen Theaterakademie zum Einsatz kommt. Vermittelt wird dabei hauptsächlich die gezielte Kontrolle der anatomischen Strukturen des Stimmapparats wie Kehlkopf, Zunge oder Gaumensegel. Mit sogenannten „Figures“ werden diese Teile isoliert trainiert, um verschiedene Stimmqualitäten gezielt einzusetzen, etwa Belting (ein lautes, kraftvolles Singen in der oberen Stimmlage, oft mit Bruststimmklang, sodass die Stimme stark und präsent wirkt), Twang (eine Technik, die verwendet wird, um die Stimme klarer, heller und durchsetzungsfähiger klingen zu lassen, ohne dass man die Lautstärke übermäßig erhöht) oder Falsett (bei dem die Stimme über der normalen Bruststimme in einer höheren Lage erzeugt wird).

Damit das im Unterricht vermittelte Know-How nicht nur im stillen Kämmerlein zum Tragen kommt, stehen die Musical-Studierenden der Bayerischen Theaterakademie in großen Studien-Produktionen regelmäßig auf der Bühne. Mit dem an die Akademie angeschlossenen Prinzregententheater steht ihnen dafür ein beeindruckender, den Möglichkeiten eines großen Staats- oder Stadttheaters vergleichbarer Rahmen zur Verfügung. „Wir versuchen immer Stücke zu finden, in denen sich die Studierenden tatsächlich mit ihren ‚Kernkompetenzen‘ austoben können“, sagt Marianne Larsen und schwärmt von der aktuellen, im November 2025 gestarteten Produktion von Andrew Lippas Musical-Adaption der „Addams Family“. Auch wenn die künftige Karriere ihrer Schützlinge nicht die Garantie bietet, immer nur das zu singen und zu spielen, wofür man den Eindruck hat, geboren zu sein, verspricht sie guten Gewissens: „Bis jetzt zeigt die Erfahrungen, dass unsere Studierenden nach dem Studium einen Job haben.“ Es hat eben seine Vorteile, eine fundierte Ausbildung zu haben – und dank ihr zu wissen, wie man ein ganzes Musical-Leben lang seine Stimme gesund hält. 

The Addams Family am Prinzregententheater München mit Studierenden der Bayerischen Theaterakademie August Everding  
Foto:  Lioba Schöneck

Über den Autor

Stephan Schwarz-Peters arbeitet als freischaffender Journalist und Redakteur u. a. für das Tonhalle Magazin, die Philharmonie Köln sowie die Magazine Rondo und Oper!

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