Obere Absätze
Leon Glauning
Leon Glauning  
Foto:  privat

Den Jazz muss man im Blut haben. Doch eine solide Ausbildung schadet nicht. Leon Glauning hat beides und schließt demnächst an der Hochschule für Musik Dresden seinen Bachelor im Jazz-Gesang ab. Dann liegt ein anspruchsvoller Weg hinter ihm, denn schon für die Aufnahme in den Studiengang sind die Anforderungen hoch.

Wenn Leon Glauning zum Mikro greift, ist er in seinem Element. Als Jazz-Sänger, der gerade in den Startlöchern steht, hat er sich einen herausfordernden Karriereweg ausgesucht. Doch die Liebe zur Musik, sein Talent und sein Können geben ihm Vertrauen genug, möglichen Hürden selbstbewusst entgegenzutreten. Schon jetzt ist Leon regelmäßig bei circa 50 Veranstaltungen im Jahr – solo oder in Ensemble-Formation – auf der Bühne zu erleben. Seit März verstärkt er zudem mit seiner mal zärtlich-samtigen, mal angeraut in die verruchteren Ecken des Jazz hineinleuchtenden Tenorstimme die Vokal-Section des Bundesjazzorchesters (BuJazzO): ein Ritterschlag, der allein den besten jungen Jazzkünstler:innen der Republik vorbehalten bleibt. Dass einem der Erfolg nicht in den Schoß fällt, gilt auch in Leon Glaunings Fall. Und wer ihn hinter dem Mikro so frei und locker in die unterschiedlichen Genres und Stile des Jazz eintauchen sieht, darf nicht vergessen, dass dahinter eine Menge Arbeit steht – und eine fundierte, anspruchsvolle Ausbildung.

Sänger und Sängerinnen des Bundesjazzorchesters
Bundesjazzorchester beim Evangelischen Kirchentag 2025 in Hannover  
Foto:  Kirchentag, Bongard
Bundesjazzorchester auf der Bühne des Konzerthauses Berlin
Konzert des Bundesjazzorchesters im Konzerthaus Berlin 2025  
Foto:  Tom Schweers
Bundesjazzorchester auf der Bühne des Konzerthauses Berlin
Konzert des Bundesjazzorchsters im Konzerthaus Berlin 2025 (Leon Glauning oben links)  
Foto:  Tom Schweers

Für Jazz hat sich Leon, der ganz klassisch auf den Tasten und der Gitarre angefangen hat, schon früh interessiert. Im Klavierunterricht hatte ihm sein Lehrer die ersten Jazz-Standards aufs Notenpult gelegt. „Ich habe immer gern Klassik gespielt, der Jazz aber hat mich dann so richtig abgeholt“, erinnert sich Leon an sein Erweckungserlebnis – und auch an die Inspiration durch seine Mutter, die schon immer ein leidenschaftlicher Latin-Jazz-Fan war. „Der Gesang war für mich eine wunderbare Möglichkeit, mich dieser Musik anzunähern.“ Hören und Nachsingen: Spielerisch eignete sich Leon die klassischen Jazz-Stile an, ahmte die Phrasierung bekannter Sänger:innen nach, improvisierte mit Melodien und Silben. Mehr, um einmal auszuprobieren, ob es klappt, bewarb er sich in seiner Heimatstadt Berlin für den Studiengang Jazz (Vocal) – und bestand die Aufnahmeprüfung am Jazz Institut Berlin . „Leider gab es nicht genügend Studienplätze“, sagt Leon, der beim nächsten Versuch, zwei Jahre später und mit dem Abitur in der Tasche, auf Nummer sicher gehen wollte und sich gleich an mehreren Orten bewarb. Ein Standardritual für angehende Jazzer: „Beim Jazz-Studium ist es üblich, dass man von Hochschule zu Hochschule tingelt. An den Aufnahmeprüfungstagen stößt man immer wieder auf dieselben Leute.“ Kein Wunder bei einer dreistelligen Bewerber:innenzahl pro Studienplatz, zumal je nach Hochschule nur ein bis drei Studierende pro Jahr im Fach Jazz Vokal aufgenommen werden.  

Um sich fit für seinen eigenen Bewerbungsmarathon zu machen, hatte Leon Gesangsunterricht genommen. Die jahrelange Klavierausbildung war ein weiterer Vorteil. „Wie bei vielen musikalischen Studiengängen gehört auch beim Jazz-Gesang das Klavier zu den Pflichtfächern und wird bei der Aufnahmeprüfung abgefragt.“ Genauso die Grundlagen der Musiklehre, was für Leon aber ebenso wenig ein Problem darstellte wie die Gehörbildungsprüfung, da er sich schon im Vorfeld gewissenhaft mit Akkorden, Kadenzen und Co. auseinandergesetzt hatte. Womit er aber vor allem überzeugen musste, war die Stimme, die die Prüfungskommission vorab schon mittels eingereichter Videoaufnahme kennenlernen durfte: für sie die Entscheidungsgrundlage, ob Leon überhaupt zur Aufnahmeprüfung zugelassen wird. „Dass besonders gern auch Eigenkompositionen bei der Bewerbung gesehen werden, war für mich ein Vorteil, weil ich schon lange meine eigenen Songs schreibe“, sagt er.

Leon Glauning im Tonstudio  
Foto:  privat

Bei der Hauptfach-Aufnahmeprüfung an der Hochschule musste Leon mit zwei Jazz-Standards seine Live-Qualitäten unter Beweis stellen und zeigen, dass er sich mit den unterschiedlichen Jazz-Stilistiken auskennt. Hier gibt es je nach Zeitalter, Epoche  und geografischem Ursprung sehr unterschiedliche Singweisen, die sich deutlich vom klassischen Gesang, etwa in der Oper, unterscheiden. Vom Blues über den Swing bis zu Latin-Klängen bilden sie den Fundus, den Vokalisten wie Leon Glauning beherrschen müssen. Da die meisten bekannten Jazz-Standards mit englischen bzw. amerikanischen Texten unterlegt sind, empfiehlt es sich, diese Sprache gut zu beherrschen. Eine Besonderheit bei der Aufnahmeprüfung für angehende Jazz-Sänger*innen: Mitzubringen ist hierfür die ausnotierte Transkription einer bereits vorhandenen Jazz-Improvisation, die parallel zur Originalaufnahme gesungen werden soll. Nicht nur ein Beleg für die musikalische Vorstellungskraft der Prüflinge, sondern auch eine gute Übung im so genannten Scat-Gesang, dem improvisierten Singen von rhythmisch und melodisch aneinandergereihten Silbenfolgen. Bei dieser jazztypischen, stilübergreifenden Technik geht es vor allem um Musikalität, Spontanität und das richtige Feeling. 

Von den zwei Musikhochschulen in Deutschland, die er von seinen Fähigkeiten überzeugen konnte, entschied sich Leon für ein Studium an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden. Hier bereitet er sich derzeit auf den Bachelor-Abschluss vor. „Das Pensum während des Studiums ist ziemlich hoch“, sagt er rückblickend. „Gerade am Anfang war es oft so, dass ich früh morgens schon in der Hochschule war und erst am späten Abend wieder gegangen bin. Und dann muss man ja auch noch ein bisschen üben, Repertoire lernen und sich auf Prüfungen vorbereiten.“ 

miz Wissen

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Das miz verzeichnet in seiner Datenbank die Ausbildungseinrichtungen, die einen Studiengang Jazz anbieten.

Mit zwei Unterrichtseinheiten von jeweils 45 Minuten nimmt der eigentliche Gesangsunterricht dabei eine relativ geringe Zeit in Anspruch. „Während im Operngesang die klassische Technik vor allem auf Tragfähigkeit und Projektion ausgerichtet ist, liegt im Jazz der Fokus stärker auf dem individuellen Sound und der Vielseitigkeit der Ausdrucksmöglichkeiten. Trotzdem müssen diese Klangfarben technisch so geübt werden, dass sie zuverlässig und wiederholt abrufbar bleiben.“ Neben den Hauptfachlehrenden leistet besonders am Anfang des Studiums die Arbeit mit Korrepetitor*innen wertvolle Unterstützung beim Entwickeln der vokalen Performance. Die meisten anderen Fächer finden als Gruppenunterricht oder im Rahmen von Vorlesungen statt.

Eigenverantwortung und Organisationstalent sind unabdingbare Voraussetzungen im Hochschulalltag – nicht zuletzt, wenn man das Bachelor-Studium in der Regelstudienzeit von acht Semestern absolvieren möchte. „Die Hochschule bietet fantastische Möglichkeiten, von technischen Einrichtungen bis hin zu den Kontakten, die man hier mit anderen Studierenden knüpfen kann“, sagt Leon. „Es ist aber nicht so, dass man permanent an die Hand genommen wird.“ Vor allem, wenn es darum geht, Projekte für die jährlich anfallenden Prüfungen auf die Beine zu stellen. Denn wie man sich vorstellen kann, werden Jazz-Vokalisten nicht in erster Linie nach ihren theoretischen Fachkenntnissen beurteilt, sondern nach ihren Fähigkeiten in der Praxis. „Nach dem ersten Jahr ist es eine Darbietung mit Ensemble, in der man zeigen kann, wie man sich entwickelt hat. Danach folgen die so genannten Repertoire-Prüfungen, wobei sich die Schwierigkeit von Jahr zu Jahr steigert.“ Hierfür müssen jeweils Listen mit verschiedenen Jazz-Standards vorbereitet und eingereicht werden. Jeweils drei davon sucht die Kommission aus, die am Prüfungstag „auf Knopfdruck“ abgerufen werden müssen. 

Die Bands und Ensembles, mit denen man die Prüfungen bestreiten möchte, müssen selbst zusammengestellt werden – was einerseits eine wunderbare Übung in Sachen Auftrittsorganisation ist und andererseits häufig den Grundstein für spätere musikalische Partnerschaften legt. Seine Bachelor-Abschlussprüfung wird Leon Glauning in Form eines großen Konzerts ablegen. Die Anforderungen hierfür sind komplex und nicht nur musikalischer Art. „Abgesehen von der künstlerischen Vorbereitung muss erst einmal ein Veranstaltungsort gefunden werden. Auch für den technischen Support muss man selbst Sorge tragen“, sagt Leon, der hierfür all die Kontakte nutzen kann, die er mittlerweile nicht nur an der Hochschule, sondern darüber hinaus auch in der quirligen Jazz-Szene Dresdens geknüpft hat. 

Vokal-Sextett Slixs  
Foto:  Christiane Jeenel

Schon vor dem Abschluss seines Bachelor-Studiums beginnt Leon Glauning nicht nur als BuJazzO-Mitglied auch überregional Fuß zu fassen. Einen großen Karriere-Push brachte für ihn auch die Zusammenarbeit mit dem bekannten Vokal-Sextett Slixs, mit dem er – direkt im Anschluss an einen Auftritt bei den Musikfestspielen Potsdam Sanssouci – Ende Juni 2025 zu einer mehrtägigen China-Tournee aufgebrochen war. Doch auch wenn er nun vollständig im professionellen Jazz-Leben angekommen ist, ist Leon daran gelegen, seine Performance weiter zu verbessern. Deshalb denkt er darüber nach, dem Bachelor auch noch den Master folgen zu lassen: zwei weitere Jahre an der Hochschule, in denen die bisher angeeigneten Fähigkeiten vertieft und durch weitere Fächer ergänzt werden, etwa Komposition. Einen möglichen Ort hat sich Leon Glauning nach seinen Dresdner Jahren auch schon ausgesucht: seine Heimatstadt Berlin, die wohl vielseitigste Jazz-Metropole der Bundesrepublik – und möglicherweise das Sprungbrett zu einer internationalen Karriere.

Über den Autor

Stephan Schwarz-Peters arbeitet als freischaffender Journalist und Redakteur u. a. für das Tonhalle Magazin, die Philharmonie Köln sowie die Magazine Rondo und Oper!

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