Obere Absätze
Singeleiter:innen und Kinder beim SingPause-Konzert in der Düsseldorfer Tonhalle 2025
SingPause-Konzert in der Düsseldorfer Tonhalle 2025  
Photo:  Musikverein/SingPause

Viele Kinder kommen in die Grundschule und haben noch nie gesungen. Mit dem Düsseldorfer Projekt SingPause wird ihnen der Einstieg leicht gemacht. Als Höhepunkt finden in der Düsseldorfer Tonhalle Konzerte mit über 1.000 Kindern statt – 2024/25 waren es 21 mit insgesamt über 16.500 Beteiligten!

„Singe, wem Gesang gegeben“ – das Zitat von Ludwig Uhland ist längst zum geflügelten Wort geworden. Würde der Dichter eines der SingPause-Konzerte besuchen, die jeweils gegen Saisonende in der Düsseldorfer Tonhalle stattfinden, er wäre begeistert, wie viele junge Menschen noch immer seinem Aufruf folgen: Rund 1.000 singende und tanzende Kinder, die ein umfangreiches Programm mit Liedern in unterschiedlichen Sprachen präsentieren, erlebt man nicht alle Tage. Hieraus zu folgern, den Düsseldorfer Kindern wäre das Singen automatisch „gegeben“, ist allerdings ein Trugschluss. Das weiß Maria Carreras aus langjähriger Erfahrung. „Viele Kinder kommen in die Grundschule und haben noch nie zuvor in ihrem Leben gesungen. Vor allem wissen sie nicht, wie sich das gemeinsame Singen mit anderen anfühlt, und sind sehr erschrocken, manchmal regelrecht überfordert, wenn sie es zum ersten Mal tun“, sagt die Sängerin, Chorleiterin und Pädagogin.

Maria Carreras gehört zu den derzeit 45 professionellen Honorarkräften, die als Singleiter:innen das Projekt SingPause Düsseldorf betreuen. Vom Städtischen Musikverein ins Leben gerufen, einem der ältesten und traditionsreichsten Amateurchöre Deutschlands, wird es seit 2006 mit Unterstützung des Kulturamts und des Schul­verwaltungs­amts in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt durchführt, derzeit an 59 Grundschulen. Jede Klasse einer Schule erhält dabei an zwei Wochentagen Besuch von einer speziell ausgebildeten Fachkraft, die 20 Minuten lang den Unterricht für eine „Sing-Pause“ unterbricht: für Kinder und Lehrer:innen ein willkommener Anlass, den Kopf freizubekommen, gleichzeitig eine wertvolle Unterrichtseinheit, bei der neben gesanglichen Fähigkeiten auch andere musikalische – und letztendlich auch soziale Kompetenzen vermittelt werden. 

SingPause-Konzert in der Düsseldorfer Tonhalle 2025  
Photo:  Musikverein/SingPause

Die ersten Anregungen für das Projekt kamen von Düsseldorfer Kirchenmusiker:innen, die einen eklatanten Nachwuchsmangel bei erwachsenen Kirchenchormitgliedern festgestellt hatten. Bei der Ursachenforschung richtete sich der Fokus von Anfang an auf die Schulen, in denen schon damals ein Rückgang der musischen Fächer und des gemeinschaftlichen Singens zu beobachten war. Wer aber im Kindesalter nicht singt, so die begründete Hypothese, wird sich als Erwachsener kaum dafür begeistern lassen. Das Konzept der SingPause entstand als Ergebnis eines Runden Tisches, moderiert vom langjährigen Musikvereinsleiter Manfred Hill, und wurde erstmals 2006 an fünf Düsseldorfer Grundschulen getestet. Von Anfang an für die Künstlerische Gesamtleitung der SingPause zuständig ist die damalige Chordirektorin Marieddy Rossetto – die sich nach der ersten erfolgreichen Runde inklusive publikumswirksamem Abschlusskonzert vor den Anfragen weiterer Schulen kaum retten konnte. Nicht zuletzt Manfred Hills Einsatz beim Akquirieren zusätzlicher Sponsorengelder machte es möglich, dass die SingPause schon im zweiten Jahr an 17 Grundschulen stattfand und sich der Pool an engagierten Singleiter:innen entsprechend vergrößern konnte.

„Das Konzept der SingPause basiert auf der so genannten Ward-Methode“, erläutert Maria Carreras, die selbst durch eine befreundete Kollegin auf das Projekt aufmerksam geworden war und nach 18-jähriger „Dienstzeit“ nunmehr zu den Stammkräften gehört. Entwickelt wurde die Methode von der amerikanischen Musikpädagogin Justine Bayard Ward (1879–1975). Sie zielt darauf ab, Kindern musikalische Erfahrungen über die Singstimme zu vermitteln und gleichzeitig, mithilfe von Solmination, Stimmbildungs- und Gehörbildungsübungen, einen vertieften Einstieg in das Thema Musik zu bieten. Neben der Fähigkeit, rein singen zu können, gehört dazu auch die Ausbildung eines sicheren Rhythmusgefühls. Bestimmte körperbezogenen Handzeichen helfen dabei, sich den vermittelten Stoff besser einzuprägen, und tatsächlich nimmt dieser spielerisch-theoretische Aspekt auch einen großen Teil von Maria Carreras‘ 20-minütigen SingPause-Besuchen ein. Zwölf Klassen an zwei Grundschulen betreut sie derzeit; wie die anderen Singleiter:innen auch, begleitet sie die Kinder dabei von der ersten bis zur vierten Jahrgangsstufe.

„Der Ablauf einer SingPause ist streng getaktet“, sagt die engagierte Pädagogin. „Wir haben jeweils zwei Minuteneinheiten. Es beginnt mit einer Begrüßung, dann folgen Stimm- und Gehörbildungseinheiten, bis es mit dem Musikrätsel weitergeht. Die nachfolgenden Einheiten beschäftigen sich mit Rhythmusübungen und Improvisation sowie dem Vom-Blatt-Lesen von ein- bis vierzeiligen Melodien in Ziffernnotation und nicht zu vergessen dem Schreiben von „Erwachsenen-Noten.“ Gesungen wird erst am Ende – und das mit einem klaren Ziel vor Augen. „Die Lieder, die wir mit den Kindern einstudieren, bilden am Ende des Schuljahres auch das Programm der SingPause-Konzerte in der Tonhalle“, sagt Maria Carreras, die jedes Mal Gänsehaut bekommt, wenn Sie ihre Schüler:innen in den Reihen des altehrwürdigen Konzerthauses aus voller Kehle singen hört. Um jedes der insgesamt 16.500 beteiligten Kinder zum Zuge kommen zu lassen, sind mehrere Konzerttage mit jeweils zwei Vormittagsterminen vorgesehen. Ende der Saison 2024/2025 waren es elf Tage mit 21 Konzerten. Das bedeutet neben logistischem Aufwand auch eine sorgfältige Programmauswahl.

Kinder beim SingPause-Konzert in der Düsseldorfer Tonhalle 2025
SingPause-Konzert in der Düsseldorfer Tonhalle 2025  
Photo:  Musikverein/SingPause
Singeleiter:innen beim SingPause-Konzert in der Düsseldorfer Tonhalle 2025
SingPause-Konzert in der Düsseldorfer Tonhalle 2025  
Photo:  Musikverein/SingPause
Publikum beim SingPause-Konzert in der Düsseldorfer Tonhalle 2025
Publikum beim SingPause-Konzert in der Düsseldorfer Tonhalle 2025  
Photo:  Musikverein/SingPause

„Die Lieder, die wir einstudieren, sind für alle Schüler:innen die gleichen“, sagt Maria Carreras. „Sie müssen also so ausgewählt sein, dass sie von Erstklässler:innen bewältigt werden können, ohne die Viertklässler:innen zu langweilen.“ Dank jahrelanger Erfahrung und persönlicher Rückmeldungen hat die „SingPause“ mittlerweile eine gute Mischung gefunden. Das alte deutsche Volkslied steht dabei gleichberechtigt neben Songs aus der Pop-, Jazz- oder Folk-Abteilung. Kanons gehören ebenso dazu wie choreografische Elemente, und als besonderen Kick enthalten alle Konzertprogramme auch Lieder in anderen Sprachen: nicht nur für Kinder, die noch kein oder nur wenig Deutsch sprechen, ein großartiges Erlebnis. Der Umstand, dass auch an den Grundschulen viele unterschiedliche kulturelle Hintergründe aufeinandertreffen, verlangt von den SingPause-Mitarbeiter:innen neben Sensibilität auch ein gewisses Maß an Flexibilität. Als etwa ein israelisches Lied einstudiert werden sollte, weigerten sich einige Schüler:innen, in der Sprache aus einem als „feindlich“ angesehenen Kulturkreises mitzusingen. Den salomonischen Vorschlag, das Lied statt auf Hebräisch in der eigenen Muttersprache zu singen, akzeptierten die Kinder allerdings – und so leistet das Projekt auf seine Weise sogar einen Beitrag zur Völkerverständigung.

Dass sich die SingPause vor allem in ersten Klassen mit vielen Sprachbarrieren nicht immer minutengetreu nach dem Konzept durchführen lässt, kann man sich vorstellen. Ein weiteres Problem, das Maria Carreras und ihre Kolleg:innen in den letzten Jahren beobachten konnten, ist die zunehmende Konzentrationsschwäche bei den Grundschüler:innen. „Vor allem seit der Pandemie gibt es viel mehr verhaltensauffällige Kinder in den Klassen. Das macht es fast unmöglich, das Programm so durchzuführen, wie es gedacht ist. Oft gehen wir direkt zum Singen über, um überhaupt Ruhe hineinzubekommen.“ Neben dem Übermaß an (digitaler) Ablenkung liegt der Grund hierfür ihrer Meinung nach an der zunehmenden Vollversorgungsmentalität, der neben den Erwachsenen auch schon die Kinder ergriffen habe. „Alles wird einem abgenommen, was dazu führt, dass viele Grundschüler:innen heute nicht mehr in der Lage sind, ihre Schuhe selbst zu binden oder einen Faden in eine Öse zu stecken.“ Geduld ist also immer mehr auch bei den SingPause-Kräften gefragt. Dass sie sich letzten Endes auszahlt, beweist nicht nur der Erfolg der jährlich stattfindenden „SingPause“-Konzerte. „Von den Düsseldorfer Gymnasien und anderen weiterführenden Schulen erhalten wir die Rückmeldung, dass sich in den letzten Jahren vor allem viel mehr Jungen für die Teilnahme am Schulchor interessieren.“ Damit scheint die ursprüngliche Intention des Konzepts, nämlich junge Menschen für das gemeinschaftliche Singen zu begeistern, aufzugehen.

Über den Autor

Stephan Schwarz-Peters arbeitet als freischaffender Journalist und Redakteur u. a. für das Tonhalle Magazin, die Philharmonie Köln sowie die Magazine Rondo und Oper!

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