Obere Absätze
Musiktherapie in der Neonatologie; Musiktherapeutin mit Saiteninstrument am Bett einer Frau mit Neugeborenem
Musiktherapie in der Neonatologie  
Photo:  Deutsche Musiktherapeutische Gesellschaft

Musik ist eine Sprache, die jeder versteht – und in der sich jeder verständigen kann, selbst wenn er anderweitig in seiner Ausdrucksfähigkeit beschränkt ist. Der Musiktherapeut Prof. Dr. Lutz Neugebauer setzt sie zur Behandlung Frühgeborener, Schlaganfallpatienten und Menschen mit Demenz ein.

Wenn Körper oder Seele krank sind, müssen Maßnahmen ergriffen werden. Wir schlucken Medikamente, lassen uns operieren, gehen zur Psychotherapie – und üben uns zur Prophylaxe im Lachen, das laut Volksweisheit ohnehin die beste Medizin ist. Dass mit der Musik noch eine weitere urmenschliche Superkraft existiert, die sich positiv auf unsere Gesundheit auswirkt, ist nicht erst seit gestern bekannt. Schon vor über 4.000 Jahren versuchte man in Mesopotamien, Krankheitsdämonen mithilfe ekstatischer Tempelgesänge auszutreiben; griechische Ärzt:innen der Antike nutzen Musik als Therapeutikum, um die aus dem Gleichgewicht geratene Harmonie von Körper und Geist wieder herzustellen. Auch wenn sii in den allgemeinen Lehrbüchern nur wenig Erwähnung findet, hat Musiktherapie als eigenständiger Zweig der Heilbehandlung längst schon in der modernen Medizin Fuß gefasst. Die Einsatzgebiete sind ebenso vielfältig wie die Methoden. „Wenn wir einen Blick auf die verschiedenen Lebensstationen werfen, könnte man sagen: Musiktherapie begleitet den Menschen vom Lebensanfang bis zum Ende“, sagt Lutz Neugebauer, Mitbegründer des Nordoff/Robbins-Zentrums Witten für Musiktherapie und selbst einer der erfahrensten Musiktherapeuten Deutschlands.

„Musik knüpft nicht nur an Selbststeuerung und intellektuelle Fähigkeiten an, sondern vor allem an Erleben und emotionale Verarbeitung.“
Autor
Prof. Dr. Lutz Neugebauer

Dass Musik die medizinische Behandlung nicht ersetzen kann, würde wohl keine:r seiner Kolleg:innen bestreiten. „Im Umfeld des Krankheitserlebens jedoch lässt sich sehr gut mit Musiktherapie arbeiten, vor allem bei Patient:innen, die sprachlich oder intellektuell begrenzt sind; denn Musik knüpft nicht nur an Selbststeuerung und intellektuelle Fähigkeiten an, sondern vor allem an Erleben und emotionale Verarbeitung“, sagt Neugebauer – und führt als eindrückliches Beispiel die musiktherapeutische Arbeit in der Neonatologie an, der Behandlung von Frühgeborenen. Neben den besonderen körperlichen Bedürfnissen, bedingt durch ihre zarte Konstitution, erleiden diese durch die frühe Trennung von der Mutter auch einen Verlust an intrauterinen Sinneserfahrungen. Diese sensorischen Reize und Wahrnehmung des Fötus im Mutterleib aber sind wichtig für eine gesunde Beziehungs- und Bindungsfähigkeit und haben darüber hinaus entscheidenden Einfluss auf die physische Entwicklung. „In diesem Bereich, wo es um angstfreie Beziehungsbildung geht, arbeiten wir ganz viel mit Gesang und Stimme, wobei wir auch die Eltern intensiv miteinbeziehen.“ Zu den physischen Effekten, die sich beobachten lassen, gehört die Abnahme von Stressreaktionen, die Verbesserung von Sauerstoffsättigung im Blut und der Atemfrequent und damit insgesamt ein besseres „Gedeihen“ der Frühgeborenen.

Doch nicht nur bei der Behandlung so genannter „Frühchen“ ermöglicht die Anwendung von Musik und Gesang kommunikative Zugangsmöglichkeiten, über die andere Therapieformen nicht verfügen. Als anschauliches Beispiel aus der eigenen Praxiserfahrung schildert Lutz Neugebauer den Fall eines Patienten, dessen einzige Lautäußerung nach einem schweren Schlaganfall in der unentwegten Aneinanderreihung der Silbe „ja“ bestand. In einer musiktherapeutischen Sitzung stellte Neugebauer fest, dass der Patient zwar nicht mit Worten sprechen konnte, aber dennoch in der Lage war, Tonfolgen aufzunehmen und wiederzugeben. Er machte sich den Ansatz zunutze, gesprochene Sprache durch gesungene zu ersetzen, und suchte nach einem Stück, in dem die Silbe „ja“ mehrfach hintereinander vorkommt. Es fand es schließlich im Refrain des Volkslieds „Du, du liegst mir am Herzen“. „Das ist das Prinzip der Musiktherapie: Wir nehmen das, was die Patient:innen können, und setzte es dann in einen musikalischen Kontext, in dem das, was möglicherweise ganz eingeschränkt ist, ein Gelingen erlebbar macht.“

„Therapie heißt nicht, dass man etwas verändert, sondern dass man das Vorzeichen umdreht.“
Autor
Prof. Dr. Lutz Neugebauer

Bei vielen Schlaganfallpatient:innen, die durch ihre Erkrankung einen plötzlichen Verlust der Sprachfähigkeit erlitten haben, lässt sich die Beobachtung machen, dass sie sich gleichwohl verbal ausdrücken können – sofern sie die Worte singen. Wie in der Neonatologie gehört auch hier die Einbeziehung des Umfelds zu den entscheidenden Faktoren. Lutz Neugebauer erinnert sich gut an die Begegnung mit einem Ehepaar, das durch gezielten Einsatz von Musiktherapie erneut eine vollkommen verständliche, wenn auch ungewöhnliche Kommunikation aufnehmen konnte: Statt in gesprochenen Dialogen begannen sie, sich – wie in einer Oper – in einer Art Duettgesang zu unterhalten. Weniger dramatisch, dennoch für Betroffene häufig mit einem großen Leidensdruck verbunden, ist das Stottern, dem man ebenfalls durch den Einsatz von Gesang in der Musiktherapie entgegentreten kann. Wie auch in Fällen frühkindlicher Sprachentwicklungsstörungen, einem weiteren „klassischen“ Einsatzgebiet, liegt hier der Anknüpfungspunkt im „musikalischen“ Anteil der Sprache, ihrer Prosodie. Ob Mozart, wie Lutz Neugebauer gern aus Anschaulichkeitsgründen behauptet, tatsächlich einem stotternden Sänger das unsterbliche „Pa-Pa-Papageno“-Duett auf den Leib komponiert hat, sei dahingestellt. Als Musiktherapeut hätte er, indem er ein vermeintlich negatives Muster in ein positives verwandelt hat, damit jedoch gewiss einen Volltreffer gelandet. „Therapie“, so Lutz Neugebauer, „heißt nicht, dass man etwas verändert, sondern dass man das Vorzeichen umdreht.“

Das dürfte vielen Menschen bekannt vorkommen, die mit einer lebensverändernden Diagnose konfrontiert wurden. „Kaum etwas hört man von Krebspatient:innen so häufig wie den Satz, ‚die Krankheit war ein Wendepunkt in meinem Leben‘“, sagt Lutz Neugebauer. „Das gilt aber auch für Menschen, die einen Herzinfarkt hinter sich haben oder an einer neurologischen Erkrankung, etwa an Multipler Sklerose, leiden.“ Gerade zu Beginn einer solchen Erkrankung fühlen sie Patient:innen häufig besonders verletzlich und befinden sich in einer Stimmungslage, die sie mit Worten nicht schildern könnten, wohl aber durch Musik – und Singen als unmittelbarste aller musikalischen Ausdrucksformen. Nicht nur in der Psychoonkologie, sondern auch in der palliativen Behandlung kann Musiktherapie, die Resilienz fördert und gesunde Anteile stärkt, eine wichtige Funktion übernehmen – etwa, um mithilfe ihrer entspannenden Wirkung Schmerzen zu lindern, Ängste zu nehmen oder Patient:innen zu beruhigen. Der eigenen Biografie nachspüren ist etwas, das viele Menschen am Ende ihres Lebens beschäftigt – und oft sind Lieder, mit denen sich bestimmte Erlebnisse verbinden, ein passender Schlüssel zur Vergangenheit.

Musiktherapie in der Onkologie  
Photo:  Deutsche Musiktherapeutische Gesellschaft

Erinnerungen mithilfe von Gesang zu wecken, ist auch einer der zentralen Ansatzpunkte bei Patient:innen mit Demenz. Auch wenn das Kurzzeitgedächtnis stark beeinträchtigt ist, können sich demenzkranke Menschen häufig an weit zurückliegende Ereignisse aus ihrer Kindheit erinnern: eine Lebensphase, aus der auch die ersten musikalischen Eindrücke stammen. Indem sich Lutz Neugebauer gemeinsam mit seinen Patient:innen singend auf deren Vergangenheitsspuren begibt, hilft er ihnen dabei, die eigene Identität aufrecht zu erhalten und emotionale Fähigkeiten zu stärken. Sensibilität ist gefragt, wenn die prägende Kindheitsphase in die Zeit zwischen 1933 und 1945 fällt und sich Musikwünsche auf Lieder mit problematischen Inhalten beziehen. „Natürlich kann ich einem Menschen am Ende seines Lebens nicht verwehren, so etwas zu singen“, sagt Lutz Neugebauer. „Als verantwortungsvoller Musiktherapeut gehört es aber dann auch zu meinen Aufgaben, nach passenden Alternativen zu suchen.“ Unter der Vielzahl internationaler Studien, die die medizinische Wirksamkeit von Musik und Gesang belegen, zeigen einige auch auf, dass sich demenztypische Verhaltensauffälligkeiten ebenfalls durch sie verringern lassen. Nicht zuletzt, wenn auch Bewegung in die musiktherapeutische Arbeit mit Demenzkranken miteinbezogen wird, kommt es darüber hinaus zu einer Zunahme der Beweglichkeit und einer Anregung der Vitalfunktionen.

Egal ob auf diesem Feld oder anderen Gebieten wie der Heil- und Sonderpädagogik, der Psychosomatik – auch im Zusammenhang mit Depressionen und Angststörungen – oder dem Autismus-Spektrum: Das wichtigste ist, dass Musiktherapie auf Basis einer soliden Ausbildung und mit genauem Blick auf die erforderlichen Maßnahmen erfolgt. „Leider ist Musiktherapeut:in kein geschützter Beruf in Deutschland“, sagt Lutz Neugebauer, „aber glücklicherweise gibt es qualifizierte Studiengänge, die entsprechende Fachleute ausbilden.“ Entscheidend sei es, den Begriff der Therapie in den richtigen medizinischen Zusammenhang zu bringen. „Wir Musiktherapeut:innen laufen nicht durch die Welt und machen Well-Being-Angebote, wir kommen erst dann intervenierend zum Einsatz, wenn ein tatsächliches körperliches oder seelisches Leiden vorliegt – vorher nicht.“ Dass sich viele Menschen auch ohne professionellen Hintergrund dazu berufen fühlen, gemeinsam mit erkrankten Menschen, etwa in Altenheimen oder Behinderteneinrichtungen, zu musizieren und zu singen, findet er im Grunde zwar löblich – doch ist ein therapeutischer Effekt damit im Regelfall nicht verbunden. „Die medizinische Indikation ist das Entscheidende“, stellt Lutz Neugebauer fest und verweist auf die World Health Organization (WHO), deren Grundsatz „Health in all policies“ auch auf die Kultur anzuwenden ist. Dass Musiktherapie als Schnittstelle zwischen Gesundheit und kultureller Teilhabe auch von politischer Seite mehr Aufmerksamkeit bekommt, würde er sich wünschen. „Im Rahmenplant der EU gibt es den Bereich Kultur und Gesundheit. Dass die Bundesrepublik an den öffentlichen Gesprächsrunden der europäischen Ministerien nicht beteiligt sind, finde ich enttäuschend.“

Über den Autor

Stephan Schwarz-Peters arbeitet als freischaffender Journalist und Redakteur u. a. für das Tonhalle Magazin, die Philharmonie Köln sowie die Magazine Rondo und Oper!

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