Die Berliner Clubkultur ist weit mehr als Nachtleben: Sie ist ein entscheidender Wirtschaftsfaktor und macht die Hauptstadt zu einem Magneten für internationale Talente. Das belegt eine unabhängige, empirische Studie von Prof. Jean-François Ouellet (HEC Montréal), die am 28. November 2025 erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wird.

Die Untersuchung liefert erstmals quantitative Belege: Clubkultur und Lebensstilfaktoren spielen eine zentrale Rolle bei der Standortwahl internationaler Fachkräfte. Die „soziale, kulturelle und lifestyle-orientierte Umgebung" gehört zu den beiden wichtigsten Gründen, warum Expats nach Berlin kommen – unmittelbar nach wirtschaftlichen Möglichkeiten. Besonders der Faktor „Lifestyle Fit", zu dem Clubkultur, Diversität und Offenheit zählen, wurde als ausschlaggebend identifiziert.

2,8 Milliarden Euro jährlicher Wirtschaftsbeitrag

Die rund 375.000 wirtschaftlich aktiven Expats in Berlin tragen laut Studie jährlich etwa 26 Milliarden Euro zur Berliner Wirtschaftsleistung bei und stehen für gut ein Zehntel der Berliner Wirtschaftsleistung. Der indirekte ökonomische Beitrag der Clubkultur zur Anziehung dieser Fachkräfte wird auf 2,8 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt und übertrifft damit sogar die touristischen Effekte.

Zentrale Erkenntnisse der Studie

  • Die soziale, kulturelle und lifestyle-orientierte Umgebung zählt neben beruflichen Chancen zu den Top-2-Motivationsfaktoren, warum Expats nach Berlin ziehen.
  • Innerhalb dieser Faktoren ist „Lifestyle Fit“ – bestehend aus Clubkultur, Diversität, Offenheit und Subkulturen – der wichtigste Einzelaspekt.
  • Die rund 375.000 wirtschaftlich aktiven Expats tragen jährlich etwa 26 Milliarden Euro zur Berliner Wirtschaftsleistung bei – knapp 15 % des regionalen BIP.
  • Der indirekte ökonomische Beitrag der Clubkultur zur Anziehung dieser Fachkräfte beträgt konservativ geschätzt 2,8 Milliarden Euro pro Jahr.
  • Damit ist der Effekt der Clubkultur auf die Talentmigration ökonomisch relevanter als ihr touristischer Beitrag.

Marcel Weber, 1. Vorsitzender der Clubcommission:
„Clubs sind ein wesentlicher Grund dafür, warum Menschen aus aller Welt nach Berlin kommen und hier bleiben. Wir tragen Milliarden zur Wirtschaftsleistung bei und stärken Berlins Position im globalen Wettbewerb um Fachkräfte. Deshalb sagen wir klar: Schaut auf uns, auf die Clubszene, auf die Kulturorte, die diese Stadt besonders machen. Wir wünschen uns, dass Wirtschaft und Politik diese Bedeutung stärker als bisher anerkennen und uns als Partner noch intensiver involvieren. Denn wenn wir gemeinsam in diese Szene investieren, investieren wir direkt in die Zukunftsfähigkeit Berlins.“

Prof. Jean-François Ouellet (HEC Montréal):
„Wir gehen oft davon aus, dass hochqualifizierte Fachkräfte ihre Abende lieber in der Oper als im Club verbringen – eine Annahme, die Forschung und öffentliche Investitionen seit langem in Richtung traditioneller Kulturangebote lenkt, von Orchestern bis zu Museen. Unsere Studie zeigt das Gegenteil: Berliner Expats schätzen Clubkultur und Nachtleben unabhängig von Alter, Einkommen und Bildungsniveau durchweg deutlich höher als klassische Kulturangebote. Neben den bemerkenswerten wirtschaftlichen Effekten ist die zentrale Erkenntnis: Das Nachtleben ist keine Randaktivität für Studierende oder junge Menschen – es ist ein starker Motor für die Wettbewerbsfähigkeit von Städten.“

Lutz Leichsenring, VibeLab, Projektleitung Nachtökonomiestrategie Berlin:
„Seit Jahren setzen wir uns dafür ein, dass Clubkultur mehr als nur Unterhaltung ist – sie ist kritische Infrastruktur für kreative Städte. Diese Studie liefert endlich die Zahlen für das, was wir weltweit in Städten beobachtet haben: Ein lebendiges Nachtleben ist nicht nur “nice to have”, sondern ein strategischer Vorteil im globalen Wettbewerb um Talente. Städte, die das erkennen und ihre Clubkultur aktiv schützen, werden einen entscheidenden Vorsprung bei der Anziehung von Innovatoren, Unternehmern und Kreativschaffenden haben, die das Rückgrat der Wirtschaft des 21. Jahrhunderts bilden. Berlins Clubkultur ist nicht zufällig entstanden – sie erfordert gezielte Politik, Schutz vor Verdrängungsdruck und die Anerkennung ihrer kulturellen und wirtschaftlichen Werts.”

Vorstellung der Studie im Rahmen von Stadt nach Acht: Hochkarätige Perspektiven aus Clubszene, Politik und Wirtschaft

Im Panel „Beyond the Beat" im Rahmen der Stadt nach Acht Konferenz treffen erstmals Vertreter:innen der Berliner Clubkultur, der Landespolitik und führender Technologieunternehmen aufeinander, um die Studienergebnisse in einen größeren stadtpolitischen Kontext einzuordnen und die wirtschaftliche Bedeutung der Nachtökonomie zu diskutieren.

Franziska Giffey, Bürgermeisterin und Senatorin für Wirtschaft, Energie und Betriebe:
„Berlins Nachtleben ist einmalig und einer der Gründe, warum Menschen aus der ganzen Welt gerne zu uns kommen. Es zieht Gäste, internationale Fachkräfte und innovative Startups an und ist damit ein entscheidender Standort- und Wirtschaftsfaktor. Mit der ‚Nighttime Strategy Berlin' haben wir letztes Jahr gemeinsam mit der Clubcommission und allen Akteuren der Berliner Nachtökonomie eine Gesamtstrategie entwickelt, um diese wichtige Kulturlandschaft nachhaltig zu stärken. Gleichzeitig unterstützen wir die Clubs konkret – etwa durch unser Schallschutzprogramm, für das seit 2018 bereits über 3 Millionen Euro bereitgestellt wurden. Auch in den nächsten beiden Jahren setzen wir es mit je einer Million Euro fort. Ein dynamisches Nachtleben macht Berlin nicht nur attraktiv, sondern auch zukunftsfähig."

Die Stadt nach Acht ist eine der wichtigsten internationalen Konferenzen zur Nachtökonomie, Kulturpolitik und urbanen Resilienz. Sie bringt Entscheidungsträger:innen, Forscher:innen, Kulturschaffende und Wirtschaftsakteur:innen zusammen, um die Zukunft von Städten ab 20 Uhr zu gestalten.

Während Pamela Schobeß die Perspektive der Clubbetreiber:innen einbringt, diskutiert Staatssekretär Michael Biel konkrete politische Handlungsoptionen zur Stärkung des kreativen Ökosystems. Mit dem Kreativunternehmer Martin Eyerer, sowie Jeannine Koch von media:net berlinbrandenburg sind zwei Stimmen vertreten, die den unmittelbaren Zusammenhang zwischen Berlins kulturellem Profil und der Rekrutierung internationaler Tech-Talente aus erster Hand kennen. Das Panel zeigt damit exemplarisch, wie Clubkultur, Wirtschaftsförderung und Standortentwicklung ineinandergreifen – und welche Weichenstellungen nötig sind, um Berlins Position als globaler Talent-Hub zu sichern.

Panel: Beyond the Beat – How Club Culture Fuels Berlin's Global Talent Magnetism
Datum: Freitag, 28. November 2025 Zeit: 14:00 – 15:30 Uhr
Ort: Stadt nach Acht Konferenz, Cassiopeia Club, Revaler Str. 99, 10245 Berlin
Keynote: Prof. Jean-François Ouellet (HEC Montréal) – Präsentation der Studienergebnisse
Moderation: Lutz Leichsenring (VibeLab)
Panelgäste:

  • Pamela Schobeß (LiveKomm / Gretchen Club)
  • Martin Eyerer (Green City Development, Riverside Studios)
  • Michael Biel (Staatssekretär für Wirtschaft, Berlin)
  • Jeannine Koch (media:net berlinbrandenburg)

Über die Clubcommission

Die Clubcommission ist das Netzwerk der Berliner Clubkultur. Sie wurde im Jahr 2001 gegründet und ist mit über 350 Mitglieder die weltweit größte Vereinigung von Clubbetreiber:innen und Veranstalter:innen. Sie unterstützt die Arbeit der Kulturunternehmer:innen durch die Optimierung der Rahmenbedingungen und die Verbesserung der Infrastruktur. Neben vielen verschiedenen Aktivitäten wie nachhaltiger Stadtentwicklung, Schallschutz, Vermittlung zwischen Clubs, Bauherren und der Nachbarschaft, Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Nachtökonomie und der Entwicklung von Antidiskriminierungs- und Sensibilisierungsmaßnahmen in Clubs, ist die Erforschung der verschiedenen Dimensionen der Clubkultur seit jeher ein wichtiger Bestandteil ihrer Arbeit.