Zu komponieren, texten, arrangieren, proben, aufzutreten, Platten aufzunehmen, sich selbst zu promoten und mit Nebenjobs den geringen Verdienst als Popularmusiker*in aufzustocken – das allein ist schon schwierig, unter einen Hut zu bringen. Doch lässt sich damit auch ein Familienleben vereinbaren und wie gelingt es? In der neuen Interviewreihe „Backstage Mom“ des Online-Musikjournals MELODIVA geben Musikerinnen mit Kindern Einblicke in ihren Alltag und erzählen von ihren Erfahrungen.
Sie erzählen, wie sie ihren Alltag zwischen Bühne, Studio und Carearbeit organisieren, wo die Schwierigkeiten, aber auch Vorteile im Beruf als Selbstständige liegen. Thematisiert wird auch, ob sich die Veranstaltungsbranche bereits auf Musiker*innen mit Kindern eingestellt hat und ob das Touren mit Kindern gut gelingt. Das Themenfeld ist vielschichtig: es geht um Rahmenbedingungen wie (fehlende) Kinderbetreuung und Elterngeld, gesellschaftliche Erwartungen, innere Gewissenskonflikte, fehlende Role Models, verschiedene Familien- und Betreuungsmodelle und darum, wie sich das unsichere Livegeschäft auf Musikerinnen mit Kindern auswirkt. Die Musikerinnen geben aber auch Tipps, wie der Spagat gelingen kann.
Interviewpartnerinnen waren bisher:
Backstage Mom #1 Magdalena Ganter: Zwei Seelen in der Brust
Backstage Mom #2 FEE: Bewusste Babypause
Backstage Mom #3 Elsa Johanna Mohr: Man muss lernen, abzugeben
Backstage Mom #4 Nicole Johänntgen: Vertrauen, Geduld & Gelassenheit
Backstage Mom #5 Johanna Amelie: Kinder haben ist nicht nur Privatsache
Backstage Mom #6 Ella Fall: Carearbeit bedeutet nicht zu scheitern
Backstage Mom #7 Jarita Freydank: Kinder würden der Musikszene gut tun
Backstage Mom #8 Sophie Trost: Zwischen Konzerten, Kita & Komponieren
Geplant sind weitere Interviews mit Akteurinnen der Musikbranche (z.B. Produzentinnen, Promoterinnen u.ä.). Danach wird ein Résumée gezogen, um zusammenzufassen, wie Gesellschaft und Musikbranche gemeinsam an familienfreundlichen Strukturen arbeiten und wie die Bedingungen für Musikerinnen* mit Kindern verbessert werden können.
Auszüge aus den Interviews
„Generell kommt es mir so vor, als gingen Männer noch immer wesentlich selbstverständlicher weiter ihrer Arbeit nach, sobald Kinder an Bord sind. Oder zumindest wird es ihnen gesellschaftlich nicht vorgeworfen, wenn sie das tun. (…) Ich weiß von Musikerinnen*, die ihrem Kinderwunsch aus Angst, es organisatorisch & finanziell nicht wuppen zu können, nicht nachgehen. Das darf nicht sein.“ Magdalena Ganter
„Schwierig wird es, wenn man ständig selber krank ist oder ein krankes Kind zuhause hat. Denn Konzerte oder Studiosessions abzusagen ist natürlich mit viel Kosten, Koordination und Frust verbunden.“ FEE.
„Der Beruf ist mit viel Unsicherheit verbunden, da zumindest ich in meinem Fall nach dem Elterngeld nicht in einen fertigen Job zurückgekehrt bin. Zudem steht man auch in der Elternzeit ständig unter Druck, sein Business am Laufen zu halten. (…) Ohne Familie, Freunde, soziales Netzwerk und/oder Partner, der am besten nicht immer dann arbeitet, wenn man selbst arbeitet, ist es eigentlich fast unmöglich, als Musikerin weiterhin viel auf der Bühne zu stehen mit einem kleinen Baby/Kleinkind“. Elsa Johanna Mohr
„Wir hatten große wie auch kleine Bühnen mit und ohne Backstage. Das war in mancher Hinsicht immer mal wieder herausfordernd bezüglich der Ruhe und Privatsphäre. Man braucht als stillende Mutter einen gemütlichen schallgedämmten Raum, der in der Nähe der Bühne ist. Es braucht Privatsphäre. Frisches und gutes Essen“. Nicole Johänntgen
„Ich würde mir wünschen, dass mehr Menschen solidarisch mit Eltern sind und die „Extra-Mile“ gehen, um Dinge für Familien, Beruf und Freundschaften möglich zu machen. Kinder haben ist nicht nur Privatsache, finde ich“. Johanna Amelie
„Es ist schön zu sehen, dass der Trend zu Konzerten am Nachmittag oder familienfreundliche Festivals zunimmt. Das dürfte für die Backstage Moms gerne mehr werden“. Ella Fall
„Beim Umsonst & Draußen Festival in Würzburg hat der Veranstalter gefragt, was wir brauchen, um uns wohlzufühlen. Ich habe von Anfang an immer klar gesagt, dass meine Familie dabei sein wird. Wenn das nicht willkommen gewesen wäre, hätte ich den Auftritt einfach nicht gemacht“. Jarita Freydank
„[Bei uns] passt der Opa oder unsere Nachbarin auf unsere Kinder auf. Wenn wir eine*n Babysitter*in bezahlen müssten, würde es sich bei den meist geringen Gagen finanziell nicht lohnen, Konzerte zu spielen“. Sophie Trost
Das Online-Musikjournal MELODIVA wird vom Frauen Musik Büro Frankfurt herausgegeben; Träger ist der Verein „Frauen machen Musik e.V.“, der seit 1984 besteht. Das Frauen Musik Büro fördert, präsentiert, unterstützt und vernetzt FLINTA* Musikerinnen* im Popularmusikbereich, um der Unterrepräsentanz, vor allem von Instrumentalistinnen* und Komponistinnen*, entgegenzuwirken und ihnen in der Öffentlichkeit eine Plattform zu geben.
Hinweis zum Gendersternchen: MELODIVA nutzt den Genderstern hinter Musikerinnen*, um nicht nur cis-geschlechtliche, sondern auch queere/trans* Personen einzuschließen.
Kontakt: MELODIVA, Mane Stelzer, musik@melodiva.de, https://www.melodiva.de/