Tage der Amateurmusik 2021 in Rheine. Zwei junge Frauen singen ein Duet.
Tage der Amatermusik 2021 in Rheine  
Foto:  Sören Pinsdorf  /  BMCO

16,3 Mio. Menschen in Deutschland machen in ihrer Freizeit Musik. Das Amateurmusizieren ist in der gesamten Gesellschaft verortet und besitzt weitreichende Wirkung. Zahlreiche Menschen engagieren sich in Chören, Orchestern und Verbänden.

Musizieren schafft einen Ausgleich zum Alltag, es hilft, Emotionen zu verarbeiten und vermag zur Gemeinschaftsbildung jenseits ethnischer, religiöser oder nationaler Grenzen beizutragen. Es kann ebenso spontan wie auch geplant in Erscheinung treten, einem konkreten äußeren Anlass dienen oder als eine Praxis ausgeübt werden, die einzig und allein um ihrer selbst willen stattfindet. In welcher Form auch immer: Es hat das Potenzial, in hohem Maße zu einem erfüllten Leben beizutragen. Das gilt sowohl für Menschen, die die Musik zu ihrem Beruf gemacht haben, als auch für Personen, die sich in ihrer Freizeit musikalisch betätigen. 

Begriffsbestimmung

Freizeitmusizierende werden umgangssprachlich als Laien oder Amateure bezeichnet, wobei eine klare Unterscheidung zwischen beiden Begriffen schwierig ist. Obgleich es in der Forschung Differenzierungsversuche gibt, bei denen Laien als „gänzlich unprofessionalisiert“ bezeichnet werden, während Amateure „Professionalisierungstendenzen“ aufweisen, „die aber durchaus strukturelle Eigenheiten und Divergenzen im Vergleich zum Experten und Profi aufweisen können“ [1], werden in der Alltagspraxis beide Begriffe immer wieder synonym verwendet. In diesem Sinne werden hier und im Folgenden unter Amateuren alle Menschen bezeichnet, die sich aus Liebe und Leidenschaft regelmäßig musikalisch betätigen, dies aber nicht hauptberuflich tun. Auch diese Definition ist, wie weiter unten zu sehen sein wird, nicht vollständig trennscharf, stellt aber einen sinnvollen Sammelbegriff dar, der sich auf die unterschiedlichsten Bereiche des Musiklebens anwenden lässt. Amateurmusizierende singen in Chören, spielen in Musikvereinen, Orchestern, Rock- und Popbands, Folkloregruppen, treffen sich in ihrer Freizeit zu informellen Musiziergelegenheiten, nehmen privat oder an Musikschulen Instrumentalunterricht, komponieren und arrangieren am Computer und bilden sich durch Videotutorials selbstständig fort. Bezogen auf Altersstufen lässt sich der ganze Bereich der an Kinder und Jugendliche adressierten musikpädagogischen Arbeit ebenso als Amateurmusizieren fassen wie auch Musizierangebote in Seniorenheimen.

Aber nicht nur der Amateurbegriff, sondern auch der des „Musizierens“ kann Fragen aufwerfen: Ist damit schon das rudimentäre Mitsingen eines gerade im Radio laufenden Hits gemeint oder behält man es eher langfristigeren Tätigkeiten vor, die womöglich sogar mit einschlägigem formalen Unterricht verbunden sind? Diese Unschärfe erklärt zumindest teilweise, warum der Anteil der Menschen, die angeben, „täglich oder jede Woche Musik zu machen“, höher ist als der Anteil jener Personen, die von sich sagen, dass sie „aktiv […] singen oder ein Instrument […] spielen.“ [2] Das Deutsche Musikinformationszentrum (miz) hat in einer Erhebung all jene Personen als „Hobby-, Amateur- oder Freizeitmusiker“ erfasst, „die zumindest gelegentlich musizieren, sei es, dass sie ein Musikinstrument spielen, digital Musik machen oder aber in einem Chor, einem Gesangsverein oder auch bei privaten oder geselligen Anlässen singen.“ [3]  Nach dieser Begriffsbestimmung bezeichnen sich in der Erhebung von 2025 rund 21 Prozent der Bevölkerung ab 6 Jahre als Amateurmusizierende [4] – ein Anteil, der verglichen mit der miz-Studie aus dem Jahr 2021 um 2 Prozent gestiegen ist. Bei dieser Unterscheidung zwischen einem hobbymäßigen und einem beruflichen Musizieren wird wesentlich auf die Frage des Gelderwerbs abgehoben; ein Niveauunterschied ist damit nicht angesprochen. So können Jugendliche, die im Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“ einen 1. oder 2. Preis belegen, von ihrer Leistung her in vielen Fällen durchaus nach professionellen Maßstäben beurteilt werden, auch wenn sie später nicht in einem Musikerberuf arbeiten.

Aber nicht nur mit Blick auf das Niveau ist eine Trennung zwischen Amateuren und Profis nicht immer einfach. Es ist ein wichtiges Merkmal der Amateurmusikszene in Deutschland, dass Amateure immer wieder auch aktiv Aufgaben in der Ausbildung von Musizierenden übernehmen und damit, sei es informell oder ehrenamtlich, Tätigkeiten ausüben, die gemeinhin professionell arbeitenden Musikpädagog:innen zugeschrieben werden: Ohne je ein einschlägiges Studium absolviert zu haben, sind beispielsweise in der Evangelischen Landeskirche Baden-Württemberg über 95 Prozent der rund 3.900 Chorleiter:innen und Organist:innen im Nebenberuf tätig. [5] In der katholischen Kirche findet sich ein ähnliches Verhältnis. [6] Und auch die Ausbildungsarbeit, die beispielsweise innerhalb der Blasmusikvereine geleistet wird, wäre ohne eine aktive Beteiligung von Amateuren, die sowohl Instrumentalunterricht erteilen als auch Aufgaben in der Ensembleleitung übernehmen, nicht denkbar. [7] Noch deutlicher, wenngleich zahlenmäßig schwieriger zu erfassen, ist der Anteil etwa an Jugendlichen, die webbasierte Tools zum Komponieren, Improvisieren und zum Erlernen eines Instruments nutzen, und die durch Kommentare, Likes oder gar das Erstellen eigener Tutorials immer auch die Rolle von Anleitenden übernehmen. [8] Hier ist eine Trennung zwischen Profis und Amateuren kaum noch möglich. Generell gilt, dass jugendliche Peers immer dann zu Anleitenden werden, wenn es um Praxen geht, die – wie etwa der Hiphop – im formalen und non-formalen Bereich „nur unzureichend oder gar nicht Eingang finden“. [9]

„Die Entscheidung zum aktiven Musizieren ist individuell. Sie wird aber zum wesentlichen Teil durch Orte und Anlässe gestiftet.“
Autor
Wolfgang Lessing

Intensität des Musizierens und Genrevorlieben

21 Prozent musizierende Menschen in der Bevölkerung ab 6 Jahren – in Zahlen sind das 16,3 Millionen, davon 3,8 Millionen Kinder und Jugendliche: Ist das eigentlich viel oder wenig? Im Vergleich mit sportlichen Aktivitäten („Sport treiben“), denen 62,2 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren mit einer gewissen Regelmäßigkeit nachgehen, scheint das Musizieren zunächst deutlich im Rückstand zu liegen; auch mit einer Tätigkeit wie „Lesen eines Buches“ (ca. 58,7 Prozent) kann es rein zahlenmäßig nicht mithalten. [10] Ein etwas anderes Bild ergibt sich allerdings, wenn man sich die Häufigkeit und Intensität etwas näher anschaut, in der verschiedene Freizeitbeschäftigungen ausgeübt werden. Bei Aktivitäten wie „Fahrrad fahren“ oder „aktiv Sport treiben“ gibt es eine deutliche Differenz zwischen Menschen, die diese Tätigkeiten nur sporadisch (z. B. einmal pro Monat oder noch seltener) ausüben und solchen, die dies in engeren Zeitabständen tun. Ebenso sieht es beim Lesen aus: Die Gruppe derjenigen, die höchstens einmal im Monat (oder seltener) zu einem Buch greifen, macht fast die Hälfte der insgesamt Lesenden aus. [11] Wird hingegen aktiv musiziert, scheint dies weitgehend kontinuierlich zu erfolgen: In der Studie des miz bezeichneten sich 17,9 Prozent der Befragten ab 16 Jahren als Amateurmusizierende; von diesen (absolut ca. 12,4 Millionen Menschen) sind es 83 Prozent, die mindestens einmal monatlich aktiv sind; unter den Kindern und Jugendlichen im Alter von 6 bis 15 Jahre waren es 94 Prozent. [12] Im Hinblick auf die Regelmäßigkeit, in der das Musizieren aktiv ausgeübt wird, nimmt es daher vielleicht eine durchaus führende Rolle unter den Freizeitaktivitäten ein. Insgesamt ist aber auch beim Musizieren im Vergleich zu 2020 eine Verschiebung festzustellen: So musizieren nur noch 5 Prozent der Befragten täglich (2020 waren es noch 13 Prozent), während die Zahl der wöchentlich mehrmals Musizierenden auf 37 Prozent gestiegen ist (2020: 27 Prozent). Welche Tendenzen hinter diesen Veränderungen stehen, ist derzeit noch unklar.

Chormitglieder freuen sich
Foto:  Jan Karow
Ein Kinderchor singt auf der Bühne beim Deutschen Chorwettbewerb
Deutscher Chorwettbewerb in Freiburg  
Foto:  Jan Karow
Jugendliche singen beim Deutschen Chorwettbewerb in Freiburg
Foto:  Jan Karow

So vielseitig die Aktivitäten der Hobbymusiker:innen sind, so vielfältig sind auch die Genres, die sie pflegen. Insgesamt und wenig überraschend ist die Rock- und Popmusik nach wie vor die Musikrichtung, die von aktiv musizierenden Amateuren ab 16 Jahren am meisten gepflegt wird (43%), gefolgt von der Klassik (36 %), Kirchenmusik (28%) und Volksmusik (25%). [13] Diese Angaben müssen allerdings nicht zwangsläufig deckungsgleich mit den individuellen Hörpräferenzen sein. Wenn beispielsweise 19 Prozent der Amateurmusizierenden ab 16 Jahren angeben, im Rahmen kirchlicher Veranstaltungen ihr Instrument zu spielen, [14] so bedeutet das nicht automatisch, dass das dort gepflegte Repertoire auch das rezeptive Hörverhalten der Befragten dominiert. Zweifellos favorisieren die Orte, an denen musiziert wird (z. B. [Kirchen]chöre, Vereine, Orchester und Brauchtumsveranstaltungen), bestimmte Genres und Stile und blenden andere, die von den ausübenden Personen als Hörer:innen womöglich deutlich häufiger rezipiert werden, eher aus. So treten beispielsweise Musikrichtungen wie Hardcore, Heavy Metal, Hip-Hop, die in Hinblick auf das Musikhören bei den jugendlichen Musizierenden das eindeutig beliebteste Genre darstellt [15], an den genannten Musizierorten eher unterrepräsentiert in Erscheinung.

Als zentrales Charakteristikum des Amateurmusizierens lässt sich zudem festhalten: Die Entscheidung zum aktiven Musizieren ist zwar auf der einen Seite eine individuelle, die Auskunft über persönliche Neigungen und Präferenzen gibt. Zum anderen wird sie aber zu einem wesentlichen Teil durch Orte und Anlässe gestiftet. Je zahlreicher die Gelegenheiten sind, an denen Menschen zum gemeinsamen Musizieren zusammenkommen, umso größer ist die Chance für die Einzelnen, zu Amateurmusizierenden zu werden. Insofern ist die infrastrukturelle Dichte der Musiziergelegenheiten – Musikschulen, Musikvereine, Chöre, Laienorchester etc. – von allergrößter Bedeutung für die Entwicklung der Amateurmusik. Dass diese Dichte in Deutschland besonders ausgeprägt ist, hängt historisch mit den kleinstaatlichen Strukturen zusammen, die zu einer Vielzahl kultureller Zentren führte, deren jedes eine eigenständige Ensemblelandschaft und oftmals auch eigene Ausbildungsinstitutionen ausprägte, die noch heute weit in den Bereich des Amateurmusizierens hineinstrahlen und zugleich den Nährboden für dessen permanente Weiterentwicklung bilden. Diese Dichte kann als Spezifikum des deutschsprachigen Raums gelten und erklärt, wieso das instrumentale Laien- und Amateurmusizieren 2016 in das bundesweite Verzeichnis „immaterielles Kulturerbe“ der UNESCO aufgenommen wurde. [16]

Aktive

Altersgruppen
Der größte Anteil musizierender Menschen findet sich bei den Kindern und Jugendlichen. [17] Rund jedes zweite Kind zwischen 6 und 15 Jahren singt (zumindest selten) oder spielt ein Instrument. [18] Hier zeigt sich der bedeutende Einfluss der formalen und non-formalen Bildungsinstitutionen. Initiativen wie „JeKi“ bzw. dessen Nachfolgeprogramm „JeKits“ oder „Musikalische Grundschule“, aber auch die zahlreichen Streicher- und Bläserklassen, die – oftmals im Rahmen von Kooperationsprojekten zwischen Schulen und Musikschulen – mittlerweile in fast allen Städten und Regionen zu finden sind, haben diese Entwicklung nachhaltig gefördert. Nach wie vor stellt der Übergang von der Schule ins Berufsleben eine Zeit dar, in der es vermehrt zu Abbrüchen der Musizierlaufbahn kommt: Unter den 16- bis 29-Jährigen musizieren nur noch 26 Prozent. [19] Eine weitere Hürde scheint das 30. Lebensjahr zu markieren, das für viele Menschen mit dem endgültigen Einstieg in das Berufsleben und der Phase der Familiengründung zusammenfällt. Wer danach noch musiziert – laut miz-Studie 16 Prozent der Bevölkerung – wird es dann in aller Regel bis ins hohe Alter tun. Im Vergleich zu 2020 zeigt sich, dass sich die Zahl der musizierenden Menschen ab 30 kontinuierlich vergrößert hat, während sie bei den unter 30-Jährigen leicht rückläufig ist.

Besonders erwähnt sei die durchaus bedeutende Gruppe von Menschen, die im höheren Alter entweder eine zuvor abgebrochene Instrumentalkarriere wieder aufnehmen oder sich sogar gänzlich neu auf das Abenteuer des Instrumentalspiels bzw. des Singens einlassen. Diese Entwicklung wird durch Tendenzen wie eine zunehmend frühe Entberuflichung und eine erhöhte Lebenserwartung verstärkt. [20] Während das Musizieren von erwachsenen Amateuren oder von Senior:innen (Stichwort: Musikgeragogik) früher allenfalls ein Randthema war, stellt dieser Personenkreis mittlerweile eine durchaus relevante Gruppe dar, die in Theorie und Praxis eine zunehmend wichtige Rolle spielt. In der Forschung wird auf die große Bedeutung des Musizierens in kleinen Gruppen für Menschen ab 55 hingewiesen [21]; zugleich werden sowohl die Peer-Interaktion als auch intergenerationale Begegnungen als wichtige Bestandteile musikgeragorischer Arbeit hervorgehoben. Gerade das mit dem Ensemblespiel verbundene „Gefühl der Unverzichtbarkeit“ wird als wichtige Ressource, die zu einer erhöhten Lebenszufriedenheit im Alter führen kann, begriffen. [22] An vielen Orten sind in den letzten Jahren verschiedenste Musiziergelegenheiten für Senior:innen entstanden. Vom Ensemble für ältere Musikvereinsmitglieder, die aus persönlichen Belastungs- oder Geschmacksgründen nicht mehr im Hauptorchester ihres Vereins mitspielen wollen, über spezielle Orchester für ältere Menschen, die in späten Jahren ein Instrument erlernen möchten, bis hin zu Senioren-Bigbands und semi-professionellen Vereinigungen (beispielsweise dem Seniorenorchester Karlsruhe) hat sich hier eine vielfältige Musizierlandschaft herausgebildet, die sich in Zukunft vermutlich noch weiter ausdifferenzieren wird. 

Deutsches Musiktreffen 60plus, Konzert des Veeh-Harfen Ensembles Remchingen  
Foto:  Wilko Gulden

Einkommen, Bildung und Einstellungen

Trotz zahlreicher Bemühungen von Musikalisierungsinitiativen, welche die Chancen für kulturelle Teilhabe von benachteiligten Familien steigern sollen, fällt aktives Musizieren weiterhin häufig mit einem hohen sozioökonomischen Status zusammen. Einschlägige Studienergebnisse zeigen, dass Kinder und Jugendliche aus Familien mit hohem sozioökonomischem Status häufiger musizieren als der Nachwuchs aus Familien mit niedrigerem Status. Die Trennlinie zur Nicht-Aktivität verläuft dabei tendenziell eher zwischen dem mittleren und höheren Status. [23] Daher stellt die Frage nach Teilhabegerechtigkeit nach wie vor einen zentralen und bislang nicht vollständig gelösten Aspekt des Amateurmusizierens dar.

Der sozioökonomische Status erfasst nicht nur die finanziellen Spielräume, sondern auch kulturelle Präferenzen. An diesen entscheidet sich, ob das aktive Musizieren von Kindern und Jugendlichen innerhalb einer Familie als etwas Willkommenes oder eher Störendes aufgefasst wird. Dieser Aspekt ist wichtig, weil der Familien- oder Freundeskreis für viele Kinder und Jugendliche ein zentraler Musizierort ist, der noch vor dem Spielen oder Singen in schulischen oder musikschulischen Ensembles rangiert. Wo dieser familiäre Musizierraum nicht vorhanden ist, sind die instrumentalen oder gesanglichen Entfaltungsmöglichkeiten deutlich eingeschränkt. Das Musizieren von Jugendlichen scheint aber nicht allein vom Sozialstatus der Familien, sondern auch von der persönlichen Weltsicht abhängig zu sein. Eine „traditionell bürgerliche“ Einstellung, bei der Werte wie „Gemeinsamkeit“, Harmonie“ oder die „Beherrschung etablierter ästhetischer Normen“ eine große Rolle spielen, begünstigt das aktive Musizieren. [24] Dasselbe gilt für eine „postmaterielle“ Einstellung, bei der es vorrangig um das Erreichen persönlicher künstlerischer Ziele geht, was nicht selten mit einem häufigen Ein- und Aussteigen aus dem formalen Unterricht und dem verstärkten Ausprobieren einer Vielzahl von Instrumenten verbunden ist. Auch die Gruppen der sogenannten „Neo-Ökologischen“ und der „Expeditiven“ (hiermit sind „erfolgs- und lifestyleorientierte Networker:innen“ gemeint), zeigen sich musikalisch überdurchschnittlich interessiert, sie zeichnen sich durch eine „ostentative Offenheit“ für intellektuelle, künstlerische oder kreative Erfahrungen aus; bei den „Neo-Ökologischen“ findet sich auch eine besondere Affinität zur klassischen Musik. Bei Jugendlichen, die zu den Gruppen der „Prekären“ oder der „Konsum-Materialisten“ zählen, findet sich hingegen kaum ein aktives Musizier-Engagement. [25]

Im Zusammenhang mit den sozioökonomischen Aspekten bzw. der Teilhabegerechtigkeit muss auch gefragt werden, ob und inwieweit sich eine Benachteiligung von Personen mit Migrationshintergrund erkennen lässt. Obgleich diese Frage aufgrund von Datenlücken und definitorischen Unschärfen nicht einfach zu entscheiden ist, kann generell festgestellt werden, dass es in Familien mit Zuwanderungsgeschichte überdurchschnittlich zahlreiche Musizieraktivitäten gibt. [26] Angesichts der Vielfalt an kulturellen Prägungen und Präferenzen, lassen sich die Musizieraktivitäten von Menschen mit Migrationshintergrund kaum auf eine bündige Formel bringen. Gerade die Institutionen des non-formalen Bildungsbereichs bemühen sich mittlerweile verstärkt darum, die Musikpraxen migrantischer Herkunftsländer zu berücksichtigen. Während Instrumente wie Baglama oder Oud früher fast ausschließlich im Rahmen der türkischen Kulturvereine erlernt werden konnten, gehören sie mittlerweile – vor allem in städtischen Ballungsgebieten – zum Standardangebot vieler Musikschulen; die Baglama ist auch im Wettbewerb „Jugend musiziert“ vertreten. Im JeKits-Projekt werden ebenfalls traditionelle Instrumente aus migrantischen Herkunftsländern berücksichtigt. Obwohl Jugendliche mit Migrationshintergrund vergleichsweise selten in Orchestern und Chören musizieren, sind sie, gemessen an der Gesamtgruppe von Jugendlichen mit Zuwanderungsgeschichte, in Bands oder anderen Musikgruppen prozentual häufiger zu finden als Gleichaltrige ohne Migrationshintergrund. [27] Auch liegt der Anteil der Kinder und Jugendlichen mit Zuwanderungsgeschichte in den Chören prozentual immer noch höher als in der Gesamtbevölkerung. [28] Insgesamt lässt sich festhalten, dass hinsichtlich einer Sichtbarmachung migrantischer bzw. postmigrantischer Lebens- und Musizierwelten noch ein großer Bedarf an einschlägiger Forschung besteht.

Geschlecht
Bei der Frage, für welche konkrete Musiziermöglichkeit sich eine Person entscheidet, spielt das Geschlecht eine wichtige Rolle. Pauschal lässt sich sagen, dass das Singen eher eine Frauendomäne ist, während musizierende Männer häufiger ein Instrument spielen. Innerhalb der unterschiedlichen Instrumentengruppen lassen sich wiederum Geschlechtervorlieben erkennen: Während Frauen eher Blockflöte, Klavier und Violine spielen, so sind das Gitarrenspiel, der Bereich der elektronischen Instrumente (elektrisches Klavier, Keyboard, Synthesizer) sowie die Mitwirkung in einer Band eine männliche Domäne. [29] Über die Gründe derartiger Gewichtungen lässt sich nur spekulieren. Eine mögliche Erklärung für die weibliche Dominanz in Bezug auf das Singen könnte in der Tatsache liegen, dass der hier in Erscheinung tretende unmittelbare Selbstausdruck mit männlichen Klischees wie „Coolness“ in Konflikt steht und daher bei Männern eher mit Angst oder Scham verbunden sein kann als dies bei Frauen der Fall ist. [30] Auch der Einfluss medialer Vorbilder und der durch sie transportierten Geschlechterrollen spielt hier vermutlich eine Rolle. 

Es ergäbe dennoch ein falsches Bild, die verschiedenen Bereiche des Amateurmusizierens einseitig unter dem Blick festgefügter Geschlechterzuordnungen zu begreifen, denn es ist unübersehbar, dass viele Klischees in jüngerer Zeit aufgelöst worden sind. Während beispielsweise das Musizieren in einem Blasmusikverein früher eindeutig eine Männerdomäne war, besteht in einigen Regionen mittlerweile fast die Hälfte der Orchestermitglieder aus Frauen. [31] Auch die Instrumentenzuordnungen innerhalb dieser Ensembles sind in Bewegung geraten: Während Frauen früher vorwiegend in den Holzblasinstrumenten zu finden waren, spielen sie heute auch Instrumente wie Horn und Trompete, die bislang als männliches Aktionsfeld galten. [32]

Serenade am Elbufer  
Foto:  Evangelischer Posaunendienst in Deutschland (EPiD)

Musizieren in städtischen und ländlichen Räumen

Hinsichtlich der Quantität des Musizierens lassen sich keine signifikanten Unterschiede zwischen städtischen und ländlichen Räumen feststellen. [33] Allerdings ist deutlich zu erkennen, dass Musizierbiografien in Dörfern anders verlaufen als in urbanen Ballungsgebieten. Als tragender Pfeiler des Musiklebens sind hier die Musik- und Gesangsvereine zu nennen, die neben den Musikschulen nicht nur das kulturelle Leben der Gemeinden prägen, sondern darüber hinaus auch wichtige Teile der Ausbildungsarbeit übernehmen. [34] Die Bedeutung von Musikvereinen in peripheren ländlichen Räumen ergibt sich daraus, dass anderweitige Kultur- und Freizeitangebote häufig fehlen und ist vor allem dadurch gekennzeichnet, dass es sich hier oftmals um eine generationsübergreifende Praxis handelt, in vielen Fällen sogar innerhalb der Familien von Generation zu Generation tradiert. Die Angebote der Vereine setzen bei Kindern an und erstrecken sich über die gesamte Lebensspanne. [35] Oft wird die Ausbildungsarbeit von vereinsinternen Kräften geleistet, die in einschlägigen Lehrgängen qualifiziert werden. Fehlt es an entsprechenden Ausbilder:innen, so wird diese Aufgabe auch von professionellen Lehrkräften der Musikschulen übernommen. [36] Kooperationen zwischen diesen zentralen Akteuren des dörflichen Musiklebens sind durchaus gängig, müssen aber immer wieder ausbalanciert werden, da es trotz vieler Übereinstimmungen durchaus Unterschiede in Bezug auf das eigene Selbstverständnis gibt. Während die soziale Komponente – z. B. geselliges Zusammensein nach der Probe, gemeinsame Feste und Ausflüge – bei den Mitgliedern der Musikvereine neben der rein musikalischen Tätigkeit eine gewichtige Rolle spielt, orientieren sich die Musikschulen tendenziell eher an einem übergeordneten Begriff kultureller Bildung, der die gemeinschaftsbildenden Kräfte der Musik vor allem im Musizieren selbst sieht und die eigenständige Rolle sozialer Faktoren (Zugehörigkeit zur Dorfgemeinschaft) in dieser Form nicht kennt. [37] Diese unterschiedlichen Akzentuierungen können aber durchaus auch ein Element sein, das die verschiedenen Lernwelten des musikschulischen Unterrichts und des Musikvereins produktiv bereichert. [38] Auch hier gibt es großen Forschungsbedarf: Während die Kooperationen von schulischen und außerschulischen Institutionen (z. B. von Musikschule und Schule) vielfältig untersucht sind, besteht ein Mangel an Studien, die das Verhältnis zwischen den außerschulischen musikalischen Institutionen genauer beleuchtet. [39]

So schwierig es ist, angesichts großer regionaler Differenzen generelle Aussagen über ländliche Räume treffen zu wollen – der Südwesten mit seiner reichen Vereinskultur lässt sich kaum mit dem Nordosten vergleichen, der Derartiges nicht kennt –, lässt sich doch sagen, dass der demografische Wandel für ländliche Regionen eine besondere Herausforderung darstellt. Der zahlenmäßige Schwund der jungen Generation führt hier, verbunden mit einem Wandel an Freizeitinteressen, zu spezifischen Problemlagen, die in urbanen Räumen, in denen neuartige Musizierkulturen viel leichter entstehen können, in dieser Form nicht existieren. Für den städtischen Raum ist kennzeichnend, dass sich hier in den vergangenen Jahren eine Vielzahl an alternativen Musiziergelegenheiten herausgebildet hat, die sich nicht mehr ohne weiteres in bestehende Verbandsstrukturen einfügen lassen. Dies zeigt sich insbesondere im Bereich des Chorsingens: Allein in Köln sind im Zeitraum 2000–2018 63 neue Chöre entstanden, von denen nur 13 dem Chorverband NRW zugehören. [40] Viele Aktivitäten dieser neuen Chorszene zielen nicht mehr auf regelmäßige Teilnahme oder feste Mitgliedschaften ab, sondern sind offen strukturiert. Mit Veranstaltungsformaten wie „Public Singing“ oder „Rudelsingen“ und alternativen Veranstaltungsorten (Kneipenchöre) weisen sie eine große Schnittstelle zum Bereich der „Community Music“ auf: Diese versteht sich, dem Ideal einer „kulturellen Demokratie“ folgend, als eine voraussetzungsoffene Zugangsform zum Musizieren, in der an die Stelle klassischer Leitungs- und Leistungsstrukturen die Idee „sicherer Räume“ (safe spaces) tritt, für die „das Wohlbefinden der Teilnehmenden […] mindestens genauso wichtig [ist], oft sogar wichtiger als das Meistern musikalischer Fertigkeiten bzw. Perfektion im Spiel.“ [41] 

Strukturen

So wertvoll und befruchtend der „bottom up“-Ansatz der Community Music für das Amateurmusizieren zweifellos ist, so problematisch wäre es doch, ihn gegen die kontinuierliche Arbeit bestehender Institutionen und Verbände ausspielen zu wollen. Diese setzen sich mit hohem – oftmals ehrenamtlichem – Engagement für die Belange des Amateurmusizierens ein und leisten eine unschätzbare Arbeit für dessen Erhalt und Ausbau. [42] Zu nennen ist hier als Dachverband der Amateurmusik der Bundesverband Chor & Orchester (BMCO), in dem insgesamt 21 Einzelverbände zusammengeschlossen sind, darunter der Deutsche Chorverband und der Bund Deutscher Blasmusikverbände. Eine zentrale Aufgabe des BMCO besteht in der Begleitung und Aufbereitung vieler für die Amateurmusik wichtiger Themen. So entwickelt er spartenübergreifende Weiterbildungsformate, z. B. zum Thema Ehrenamt und Nachwuchsgewinnung. Außerdem unterstützt er die Amateurmusik durch verschiedene Förderprogramme, so etwa die Initiative „Musik für alle“, die sich an Kinder und Jugendliche zwischen 3 bis 18 Jahren richtet, die bisher erschwerten Zugang zur Musik haben und sich in sozialen, finanziellen oder bildungsbezogenen Risikolagen befinden, oder der „Amateurmusikfonds“, der Vereine oder Verbände fördert, die neue Wege gehen oder sich für die Zukunft wappnen wollen, sowie das Programm „Länger fit durch Musik“, das demenzsensibles Musizieren in Chören und Orchestern unterstützt.

Insgesamt ist hervorzuheben, dass sich die Verbände in den letzten Jahren verstärkt der Amateurmusik als Ganzes zu widmen versuchen und auch eine Plattform für nicht organisierte Ensembles bieten wollen. Beispielhaft sei auf die stetig im Wachsen begriffene „Chorlandkarte“ des Deutschen Chorverbandes hingewiesen, in die alle Chöre und Gesangensembles aufgenommen werden und sich ggf. untereinander vernetzen können. [43] 

Ein wesentlicher Träger für die Amateurmusik sind nach wie vor auch die Kirchen. Während sowohl die evangelische als auch die katholische Kirche seit Jahren einen kontinuierlichen Mitgliederschwund zu beklagen hat, gibt es noch immer eine hohe Anzahl von Menschen, die im kirchlichern Raum aktiv musizieren. Von den gegenwärtig ca. 2,8 Millionen verbandlich organisierten Amateurmusizierenden ist gut ein Viertel in kirchliche Verbände eingebunden. Während es im kirchlichen Raum ein deutliches Übergewicht im Bereich vokales Musizieren gibt, ist im weltlichen Bereich ein leichtes Übergewicht zugunsten der Instrumentalmusik zu erkennen. [44]

Eine wichtige Schnittstelle zwischen Vereinsarbeit und Schule sind die Musikmentor:innenlehrgänge, die z.T. in Kooperation mit verschiedenen Amateurmusikverbänden durchgeführt werden. [45] Diese Lehrgänge ermöglichen es Heranwachsenden, ihre musikpraktischen, sozialen und organisatorischen Kompetenzen vertiefen, um in Ensembles des schulischen wie außerschulischen Bereichs musikalische Aufgaben zu übernehmen. Damit sollen u.a. auch junge Musiker:innen auf musikpädagogische Berufe aufmerksam gemacht werden (BMU, o.J.).

Gerade in jüngerer Zeit wächst den Verbänden auch die Aufgabe zu, angesichts rechtspopulistischer Tendenzen auf die zivilgesellschaftliche Bedeutung der Amateurmusik-Ensembles hinzuweisen. Durch die Organisation von Begegnungen (wie etwa dem Deutschen Chorfest 2025, das unter dem Motto „Stimmen der Vielfalt stand), aber auch durch die gezielte Förderung des Ehrenamtes wird die Bereitschaft zu gesellschaftlichem Engagement gefördert. Zudem lässt sich in Musikvereinen, die ja nach einem demokratisch festgelegten Regelwerk organisiert sind, exemplarisch lernen, mit Rollen, Positionen und Entscheidungsprozessen umzugehen; gerade in ländlichen Räumen können sie eine wichtige Integrationsfunktion übernehmen, die durch die Aktivitäten der Verbände unterstützt wird. [46]

Als neue Entwicklung zeichnet sich in den letzten Jahren ein verstärktes wissenschaftliches Interesse an der Amateurmusik ab, das sich nicht in einem akademischen Beforschen erschöpft, sondern Strukturen zu etablieren versucht, die Ensembles im ländlichen Raum dazu befähigt, ihre Probleme zu benennen und im gemeinsamen Austausch mit anderen Ensembles unter wissenschaftlicher Mentorierung konkrete Maßnahmen und Ideen entwickelt. Diese Formate, die bei den konkreten Vor-Ort-Problemen der Ensembles ansetzen, in die Arbeit der Verbände zu integrieren, ist eine wichtige Zukunftsaufgabe. [47]

Abbildung 1
Orchester, Ensembles, Chöre und Mitglieder in den Verbänden des Amateurmusizierens
Infografik: Mitglieder der Instrumental- und Chorverbände 2023
Zur vollständigen Statistik

Aus- und Fortbildungsmöglichkeiten, Begegnungen

Im weltlichen Bereich gewährleisten etwa 17.000 verbandlich organisierte Amateurchöre und rund 19.000 Instrumentalensembles eine beeindruckende Vielfalt an Musiziermöglichkeiten und sorgen über eigene Ausbildungsstrukturen auch für die Nachhaltigkeit ihrer Aktivitäten. Als Beispiel sei die Deutsche Bläserjugend genannt, die als Jugendorganisation der „Bundesvereinigung deutscher Musikverbände“ die Rahmenrichtlinien für die Ausbildung von Jugendleiter:innen im Bereich der Blasmusik festlegt. Mit Lehrgängen und Prüfungen (deren erfolgreiches Bestehen zu Bronze-, Silber- und Goldabzeichen führt) sollen Qualitätsstandards geschaffen und über Mentorschaftsprogramme für ausgewählte Schüler:innen ab dem 16. Lebensjahr die vereinsinterne Ausbildungsarbeit gestärkt werden. [48] Zugleich organisieren die Verbände auch Treffen ihrer Mitglieder und richten Begegnungen und Wettbewerbe aus. Durch Nachwuchsprogramme wie „Die Carusos!“, durch die das kindgerechte Singen in Kindertagesstätten gestärkt werden soll, oder durch die Förderung von Jugendorchestern auf Kommunal-, Landes- und Bundesebene wird eine an Langfristigkeit orientierte Nachwuchsförderung betrieben, die für den Fortbestand des Amateurmusizierens lebenswichtig ist. Von ebenfalls großer Bedeutung sind überregionale Begegnungen wie die „Tage der Chor- und Orchestermusik“ sowie eine reichhaltige Wettbewerbskultur, die am prominentesten durch den Deutschen Chorwettbewerb und den Deutschen Orchesterwettbewerb präsentiert wird. Nicht vergessen werden sollte in diesem Zusammenhang, dass viele Verbandsaktivitäten auf ehrenamtlicher Basis erfolgen und insofern als lebendiger Ausweis bürgerschaftlichen Engagements gelten können.

Anerkannter Qualifizierungs- und Beratungspartner der Musikverbände ist seit fast 50 Jahren die Bundesakademie für musikalische Jugendbildung in Trossingen sowie die Landesmusikakademien. Als Fort- und Weiterbildungszentrum für Dirigent:innen, Jugendleiter:innen und Ausbilder:innen wie auch als Tagungsort für leitende Mitarbeitende der Musikverbände spielen diese Institutionen eine unverzichtbare Rolle für die Qualitätsentwicklung des verbandlich organisierten Musizierens.

Damit das ehrenamtliche Engagement der in den Verbänden tätigen musikalischen Leitungen in einem qualitativ hochwertigen Rahmen erfolgen kann, sind finanzielle Entlastungen und fachliche Unterstützung notwendig. Mit der Übungsleiterpauschale sind ehrenamtlich arbeitende Künstler:innen für ihr Vereinsengagement bis zu einer gewissen Vergütungsgrenze steuer-und sozialversicherungsbefreit. Eine weitere Fördermaßnahme ist etwa die vom BMCO ausgerichtete Initiative „Vereinspilot*innen“ mit vielfältigen Weiterbildungsangeboten für das Ehrenamt in der Musik.

Austausch, Fortbildung und gemeinsames Singen auf der chor.com  
Foto:  Alex Zuckrow  /  Deutscher Chorverband e.V.

Auswirkungen der Corona-Pandemie

Dass es eine dringliche Aufgabe der Politik ist, diese zentralen Pfeiler des Musiklebens nicht verkümmern zu lassen, hat sich im Lauf der Corona-Pandemie sehr deutlich gezeigt. Durch die Lockdowns und Kontaktverbote in den Jahren 2020 bis 2022 war die Chor-, Orchester- und Vereinskultur besonders getroffen. Ein gemeinsames Musizieren war vielfach nicht mehr möglich. Der Versuch, Proben oder Unterricht ins Digitale zu verlegen, schlug häufig fehl. Zu einem dramatischen Rückgang des Amateurmusizierens insgesamt führte die Pandemie allerdings nicht. In der ersten miz-Amateurmusikstudie von 2021 gaben 44 Prozent der über 16-Jährigen an, dass sie genauso häufig Musik machten wie zuvor, 21 Prozent musizierten sogar häufiger, während 34 Prozent angaben, seltener zu musizieren. Stärker betroffen waren allerdings diejenigen, die sangen: Hier kamen knapp die Hälfte der Amateurmusizierenden ab 6 Jahre seltener dazu, ihr Hobby auszuüben; bei den Instrumentalist:innen berichteten dies nur 23 Prozent, während 25 Prozent angaben, sogar häufiger zu spielen. Hintergrund war, dass Amateursänger:innen häufig in Chören oder Gesangsvereinen musizierten, während Instrumentalist:innen dies häufiger alleine oder zuhause taten, sodass sie ihr Hobby auch unter Coronabedingungen ausüben konnten. [49] 

Dabei gilt allerdings zu bedenken, dass dies nur denjenigen möglich war, die bereits vor der Pandemie mit dem Musizieren begonnen hatten. Obwohl das individuelle Musizieren während der Coronazeit in vielen Fällen anhielt, war die gewachsene Szene aus Chören, Ensembles, Bands, Vereinen etc. akut in ihrem Bestand gefährdet. Daher war es eine dringliche Aufgabe für die Verbände, auf politischen Weg für den Reichtum und die Vielfalt der bisherigen Angebote zu kämpfen. Mit der Initiative „Neustart Amateurmusik“, die durch den BMCO gemeinsam mit der damaligen Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien erarbeitet wurde, konnte mit einem Gesamtfördervolumen von 12,88 Mio. Euro die Überlebensfähigkeit vieler Chöre und Orchester gesichert werden. Zusätzlich wurde durch die Einrichtung eines Kompetenznetzwerks eine zentrale Service- und Beratungsstelle geschaffen werden, die wichtige Informationen zum Umgang mit der Pandemie im Musikbereich über das Infoportal der Amateurmusik frag-amu.de zur Verfügung stellte. [50]

Fazit

Wenn man Musizieren im Sinne des Soziologen Hartmut Rosa als eine Möglichkeit versteht, mit anderen Menschen in eine „Resonanzbeziehung“ zu treten, dann kann es als eine starke und wichtige Antwort auf gesellschaftliche Entfremdungsprozesse gesehen werden. [51] Voraussetzung ist allerdings, dass sich in dieser Resonanz beide Seiten nicht lediglich verstärken, sondern sich mit je eigener Stimme wechselseitig anregen. Ein so verstandenes Musizieren wäre nicht der Ort unklarer und manipulierbarer Kollektivgefühle, sondern könnte gerade in der Öffnung zu anderen Menschen zu einer Stärkung des Ichs beitragen. Vor diesem Hintergrund bildet das Amateurmusizieren gerade auch dort, wo es sich scheinbar unpolitisch wähnt, einen Faktor, der für den gesellschaftlichen Zusammenhalt von unschätzbarem Wert ist.  

Über den Autor

Wolfgang Lessing ist Professor für Musikpädagogik an der Hochschule für Musik Freiburg. In seinen Forschungen beschäftigt er sich u. a. mit dem Musiklernen in Institutionen. Seit 2019 und noch bis 2022 leitet er ein Projekt zum Thema "Musikvereine als Orte kultureller Bildung".

Fußnoten

  1. Toke Hoffmeister: Laien als Experten und Experten als Laien. Zur Problematik eines etablierten Begriffspaares, in: Linguistik Online, 99(6), S. 151–174. Online unter: https://doi.org/10.13092/lo.99.5969 (Zugriff: 31. August 2025).

  2. Andreas Lehmann-Wermser, Valerie Krupp-Schleußner: Jugend und Musik. Eine Studie zu den musikalischen Aktivitäten Jugendlicher in Deutschland. Abschlussbericht. Bertelsmann Stiftung. Online unter https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/jugend-und-musik-1 (Zugriff: 31. August2025).

  3. Amateurmusizieren in Deutschland. Ergebnisse einer Repräsentativbefragung in der Bevölkerung ab 6 Jahre, hrsg. vom Deutschen Musikrat/Deutsches Musikinformationszentrum (miz), Bonn 2025. Online unter: https://miz.org/de/statistiken/amateurmusizieren-in-deutschland (Zugriff: 31. August 2025).

  4. Ebd.

  5. Vgl. die Statistik „Kooperationen von Musikschulen im VdM mit allgemeinbildenden Schulen und anderen Partnern“ des Deutschen Musikinformationszentrum, Bezugsjahr 2022 (Zugriff: 31. August 2025) 

  6. Vgl. die Statistik „Haupt- und nebenamtliche Kirchenmusiker*innen in der katholischen Kirche“ des Deutschen Musikinformationszentrum, Bezugsjahr 2021 (Zugriff: 31. August 2025). 

  7. Stephan Schmitz: Musikalische Bildung in der Laienmusik, in: Kulturelle Bildung online, 2013/2012. Online unter: https://doi.org/10.25529/92552.178 (Zugriff: 31. August 2025).

  8. Vgl. Wilfried Aigner: Komponieren zwischen Schule und Social Web. Eine entwicklungsorientierte Studie, (= Forum Musikpädagogik, Bd. 144), Augsburg 2017; Verena Weidner [u. a.]: Adressierungspraktiken in der Ableton Link-Community. Ein (cyber-)ethnographischer Zugang, in: Michael Ahlers [u. a.] (Hrsg.): MusikmachDinge im Kontext: Forschungszugänge zur Soziomaterialität von Musiktechnologie, Hildesheim 2022, S. 191–209.

  9. V. Bons,Th. Buchborn. :Musikpädagogisch tätige Laien, in: Michael Dartsch,Anne Niessen, Christine Stöger (Hrsg.): Handbuch Musikpädagogik. Grundlagen –Forschung –Diskurse, 2. Auflage, Münster (im Druck).

  10. Beide Werte in: VuMA Touchpoints 2025. Basisinformation für fundierte Mediaentscheidungen, S. 74. Online unter: https://rms.de/RMS_Deutschland/Downloads/Weitere/VuMA_Berichtsband.pdf (Zugriff: 31.8.2025). Bei den hier genannten Werten wurden die Angaben zusammengezählt, die von „täglich“ bis „etwa einmal im Monat“ genannt waren.

  11. Ebd.

  12. Amateurmusizieren in Deutschland, S. 15.

  13. Vgl. die Statistik „Bevorzugte Musikrichtungen nach Altersgruppen“ des Deutschen Musikinformationszentrums, Bezugsjahr 2024 (Zugriff: 31. August 2025). 

  14. Amateurmusizieren in Deutschland, S. 23.

  15. Vgl. die Statistik „Bevorzugte Musikrichtungen nach Altersgruppen“ (Zugriff: 31.8.2025).

  16. Vgl. Deutsche UNESCO-Kommission: Immaterielles Kulturerbe. Instrumentales Laien- und Amateurmusizieren, 2016. Online unter: https://www.unesco.de/kultur-und-natur/immaterielles-kulturerbe/immaterielles-kulturerbe-deutschland/amateurmusizieren (Zugriff: 31. August 2025). 

  17. Amateurmusizieren in Deutschland, S. 6.

  18. Amateurmusizieren in Deutschland, S. 10.

  19. Amateurmusizieren in Deutschland, S. 11.

  20. Stefan Bischoff: Deutsche Musikvereinigungen im demografischen Wandel – zwischen Tradition und Moderne, Bundesvereinigung Deutscher Orchesterverbände e.V., 2. Auflage, Köln 2011, S. 78. S. dazu auch den Beitrag „Musik im Alter“ von Hans Hermann Wickel und Theo Hartogh, 2021 (Zugriff: 31. August 2025).

  21. Reinhild Spiekermann: Kammermusik 55+. Menschen zueinander bringen. Empirische Untersuchung und Praxisworkshop, Münster 2017.

  22. Katharina Pecher-Havers: Spätberufen: künstlerische Identität im Alter. Eine empirische Studie zum Selbstkonzept von Zitherspielenden, in: Heike Henning, Kai Koch (Hrsg.): Vielfalt. Musikgeragogik und interkulturelles Musizieren, Münster 2022, S. 64–82. Online unter: https://www.waxmann.com/index.php?eID=download&buchnr=4475 (Zugriff: 31. August 2025).

  23. Vgl. Jugend und Musik. Tabellen und Grafiken zu den Ergebnissen der Studie im Überblick, Chartbook, September 2017, Folie 34. Online unter: https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/jugend-und-musik-2 (Zugriff: 31. August 2025) sowie Lehmann-Wermser, Krupp-Schleußner, Jugend und Musik, S. 10–12 und Amateurmusizieren in Deutschland, S. 7f.

  24. Marc Calmbach [u. a.]: „Wie ticken Jugendliche?“ Sinus-Jugendstudie 2024. Lebenswelten von Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren in Deutschland, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2024, S. 38 ff.

  25. Ebd.

  26. Vgl. die Statistik „Musikalische Aktivitäten in Familien mit Kindern unter 6 Jahren“ des Deutschen Musikinformationszentrums, Bezugsjahr 2019 (Zugriff: 31. August 2025). Vgl. auch den Beitrag „Frühe musikalische Bildung“ von Michael Dartsch, 2024 (Zugriff 31. August 2025).

  27. Jugend und Musik, Chartbook, Folie 24.

  28. Vgl. Astrid Reimers: Amateurmusizieren, in: Deutsches Musikinformationszentrum (Hrsg.): Musikleben in Deutschland, Bonn 2019, S. 160-187, hier S. 183. 

  29. Amateurmusizieren in Deutschland, S. 10–12.

  30. Vgl. hierzu Martina Oster: Musik und Geschlecht. Eine empirische Studie zu Orientierungsmustern von Grundschulkindern. Baden-Baden 2013

  31. Gudrun Müller, Gisela Heitzmann: Frauen in der Blasmusik, 2017. Blasmusik. Blasmusikblog von Alexandra Link. Online unter https://blasmusikblog.com/frauen-in-der-blasmusik (Zugriff: 31. August 2025). 

  32. Ebd.

  33. Amateurmusizieren in Deutschland, S. 8.

  34. Vgl. Hans-Walter Berg: Instrumental- und Chorvereine in NRW. Gegenwart und Zukunftsperspektiven, Trossingen 2010 sowie Matthias Laurisch: Das Klingen abseits urbaner Zentren: Wie Musikvereine ihre ländlichen Räume prägen und gestalten, 2018. Kulturelle Bildung online. Online unter: https://www.kubi-online.de/artikel/klingen-abseits-urbaner-zentren-musikvereine-ihre-laendlichen-raeume-praegen-gestalten (Zugriff: 31. August 2025). 

  35. Matthias Laurisch: Musikvereine gestalten Möglichkeitsräume für Kinder und Jugendliche, in: Kerstin Hübner [u. a.]: Teilhabe. Versprechen?! Diskurse über Chancen- und Bildungsgerechtigkeit, kulturelle Bildung und Bildungsbündnisse, München 2017. 

  36. Vgl. Verena Bons [u. a.]: Wie verorten Mitglieder von Musikvereinen ihre Arbeit in Abgrenzung zur Praxis von Musikschulen? Eine dokumentarische Studie zu Musikvereinen im ländlichen Raum, Weinheim 2021, S. 349–368.

  37. Ebd.

  38. Vgl. Natlia Ardila-Mantilla: Musiklernwelten erkennen und gestalten. Eine qualitative Studie über Musikschularbeit in Österreich (= Empirische Forschung zur Musikpädagogik, hrsg. von Andreas Lehmann-Wermser, Bd. 5), Wien 2016, S. 314.

  39. Vgl. hierzu Johanna Borchert: Musikvereine in Kooperationsbeziehungen: Eine rekonstruktive Studie zu den Beziehungen von Musikvereinen zu anderen Institutionen kultureller Bildung wie Schulen, Musikschulen und Musikhochschulen, 2024. Online unter: https://opus.bsz-bw.de/hfmfr/frontdoor/index/index/searchtype/all/start/1/rows/10/facetNumber_author_facet/all/author_facetfq/Borchert%2C+Johanna/docId/2112 (Zugriff: 31. August 2025).

  40. Reimers, Amateurmusizieren, S. 187, Fn. 7.

  41. Vgl. den Beitrag „Community Music“ von Alicia de Bánffy-Hall [u. a.], 2025 (Zugriff: 31. August 2025). 

  42. Bundesakademie für musikalische Jugendbildung Trossingen: Ehrenamt in Musikvereinen und Chören: 12 Impulse zur erfolgreichen Vereinsarbeit, 2017. Online unter:  https://www.bundesakademie-trossingen.de/fileadmin/user_upload/170711_Impulse-VerbandspilotInnen-OK.pdf (Zugriff: 12. Oktober 2021).

  43. Deutscher Chorverband: Chorlandkarte. Online unter: https://chorlandkarte.deutscher-chorverband.de (Zugriff: 31. August 2025).

  44. Vgl. die Statistik „Verbandlich organisiertes Amateurmusizieren“ des Deutschen Musikinformationszentrum, Bezugsjahr 2023 (Zugriff: 31. August 2025) 

  45. Bundesverband Musikunterricht (BMU): Musikmentorenprogramme. Online unter: https://www.bmu-musik.de/musiklehrer-werden/musikmentorenprogramme (Zugriff: 31. August 2025).

  46. Amateurmusik als Werkstatt der Demokratie. Gespräch mit Antje Valentin, Christian Wulff, Wolfgang Lessing und Theresa Demandt, 2025. Deutscher Musikrat. Online unter: https://www.musikrat.de/media/magazin/amateurmusik-als-werkstatt-der-demokratie (Zugriff: 31. August 2025).

  47. Vgl. Thade Buchborn [u. a.]: Wie können Transformationsprozesse forschend begleitet und gestaltet werden? Einblicke in eine dokumentarische Entwicklungsstudie zu Transformationsprozessen von Musikensembles von Amateur*innen im ländlichen Raum, in: 45. Jahresband des Arbeitskreises Musikpädagogische Forschung/45th Yearbook of the German Association for Research in Music Education, Münster und New York 2024, S. 135­–147.

  48. Vgl. den Beitrag „Außerschulische musikalische Bildung“ von Michael Dartsch, 2024 (Zugriff: 31. August 2025). 

  49. Vgl. Amateurmusizieren in Deutschland. Ergebnisse einer Repräsentativbefragung in der Bevölkerung ab 6 Jahre, hrsg. vom Deutschen Musikrat/Deutsches Musikinformationszentrum, 2021, S. 16. 

  50. Musik & Kreativität trotz Corona. Neustart der Amateurmusik in Pandemiezeiten. Evaluation des gleichnamigen Förderprogramms NEUSTART AMATEURMUSIK des Bundesmusikverbands Chor & Orchester, 2023. Online unter: https://bundesmusikverband.de/wp-content/uploads/2023/10/Abschlussbroschuere-NAMU_RZ_online.pdf (Zugriff: 31. August 2025).

  51. Hartmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, Frankfurt am Main [2019].